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Tribüne


Entwicklungstheorie: Wer ist Wer? 43. Folge: Walt Whitman Rostow

Von der Rentenökonomie zur Wissensgesellschaft


12/2003
 

Von der Rentenökonomie zur Wissensgesellschaft

Der Arab Human Development Report

[ Von Ingrid El Masry ] Nach dem Modell des globalen Human Development Report erscheint seit 2002 ein auf vier Folgen geplanter Bericht über die arabische Region. Die Autoren zeigen, dass menschliche Entwicklung hier vor allem durch rent-seeking und autoritäre Herrschaft behindert wird, und untersuchen die historischen Konstellationen, die dazu geführt haben. Im Aufbau einer Wissensgesellschaft sehen sie den Weg in die Zukunft.

Mit dem Aufruf zum Aufbau einer Wissensgesellschaft wendet sich der Ende Oktober erschienene „Arabische Bericht Menschlicher Entwicklung 2003“ (AHDR 2003)1 an die arabische Welt. Der Bericht versteht sich zunächst als Grundlage einer innerarabischen Selbstverständigung, ist aber implizit auch ein Kooperationsappell an die internationale Gemeinschaft. Sein politisches Gewicht erhält der Bericht dadurch, dass er von aus der Region stammenden und in der Region anerkannten Wissenschaftlern unter Führung des ägyptischen Soziologen Nader Fergany, in enger Kooperation mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) sowie dem Arab Fund for Social and Economic Development (AFSED), erstellt und herausgegeben wurde.


Schwerpunkt Wissen und Bildung

Der AHDR 2003 greift mit dem Schwerpunkt Bildung und Wissen eines der drei zentralen Entwicklungsdefizite auf, die bereits der allgemein gehaltene erste AHDR (2002)2 offengelegt hatte. Folgeberichte mit den Schwerpunkten politische Freiheit und Frauen sollen innerhalb der nächsten zwei Jahre die Reihe abrunden. Mit dem Fokus auf die massiven Bildungs- und Wissensdefizite in der arabischen Region konzentrieren sich die Autoren auf ein zentrales Element menschlicher Entwicklung und einen im Zuge der sich globalisierenden Wissensgesellschaft immer gewichtiger werdenden Faktor produktiver wirtschaftlicher Entwicklung. Zugleich legen sie die Wurzeln der vorhandenen Bildungsdefizite offen: Es sind die von Menschen geschaffenen sozioökonomischen und politischenStrukturen, die in der arabischen Region den Zugang zum Wissen und das Streben nach Bildung erschweren und behindern. Deutlicher als noch der AHDR 2002 geht der aktuelle Bericht auf die internationalen Rahmenbedingungen dieser Problematik ein: Der erste Teil des aktuellen Berichts ist den internationalen, regionalen und lokalen Rahmenbedingungen menschlicher Entwicklung in der Region und ihren jüngsten Entwicklungstendenzen gewidmet. Mit einem für VN-Dokumente nicht unbedingt typischen, Legitimationszwänge offenbarendem Tenor legen die VN-gesponserten Autoren offen, wie die amerikanische Besetzung des Irak und das israelische Vorgehen in den palästinensischen Gebieten die Bemühungen um Fortschritte im Projekt menschlicher Entwicklung in der Region konterkarieren. Wie kritische Beobachter weltweit diagnostizieren auch die AHDR-Autoren als Folge des „war on terrorism“ eine Verschlechterung der Lage der politischen Freiheits- und Menschenrechte. Damit legen sie zugleich den Grund für den geplanten Folgebericht über den Stand der politischen Freiheit in der Region.

Es bleibt freilich die Frage, ob der Westen auf die Öffnung und Demokratisierung der arabischen Gesellschaften hinreichend vorbereitet ist. Die „schonungslose und brutal offene Selbstkritik“ – so der dominierende westliche Pressetenor – scheint alles aus arabischer Feder selbst zu bestätigen, was der Westen schon immer über die Araber zu wissen glaubte. Das in den AHDRs 2002 und 2003 repräsentierte „kollektive mea culpa“ droht freilich einem im Kontext des 11. September wiedererstarkenden Orientalismus förderlich zu sein, wenn die „Krankheitsdiagnose“ der arabischen Gesellschaften nicht in ihre „Krankheitsgeschichte“ eingebettet wird.


Entwicklung als menschliche Entfaltung

Konzeptionell wurzeln die arabischen Regionalberichte menschlicher Entwicklung im Entwicklungsbegriff von Nobelpreisträger Amartya Sen3, der die globale entwicklungstheoretische Debatte in den neunziger Jahren revolutionierte. Wurde Entwicklung bis dahin in rein ökonomischen Kategorien wie etwa dem Pro-Kopf-Einkommen gemessen, so öffnete Sens Begriff menschlicher Entwicklung den Blick für den Reichtum menschlicher Entfaltungsmöglichkeiten und ihrer Bedingungsfaktoren. Ungeachtet aller methodischen Schwierigkeiten, Entwicklung als „Steigerung realer menschlicher Freiheiten“ begrifflich zu bestimmen und vor allem mess- und vergleichbar zu machen, avancierte das Konzept menschlicher Entwicklung zur Grundlage des seit 1990 jährlich erscheinenden globalen Human Development Report (HDR)4 des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP). Das Konzept der HDRs, menschliche Entwicklung an den Kriterien Lebenserwartung, Erwachsenenalphabetisierung, Einschulungsquoten und Pro-Kopf-Einkommen mittels eines „Human Development-Index“ (HDI) zu messen, wird in den arabischen Regionalberichten erweitert in Form eines „Alternative Human Development Index“ (AHDI), der zusätzlich die Kategorien politische Freiheit, Gender-Strukturen, Internet-Zugang und CO2-Ausstoß umfasst, aber bewusst auf das Pro-Kopf-Einkommen als Indikator des Entwicklungsstandes verzichtet, da dieses über die Qualität der Entwicklung wenig aussagt.

Wenn damit menschliche Entwicklung begriffen wird als Entwicklung des Menschen, für den Menschen und durch den Menschen, dann ist klar, dass die Messlatte von Entwicklung hoch angelegt ist – legt sie doch die Entwicklungsdefizite traditionaler wie liberal-kapitalistischer Strukturentfaltungen offen. Bereits Marx träumte vom „Reich der Freiheit“ als einem Zustand unbegrenzter menschlicher Bedürfnisbefriedigung und Entfaltungsmöglichkeiten – freilich sah er dieses als Vision einer post-kapitalistischen Entwicklung an.

Den arabischen Gesellschaften bescheinigte der AHDR, nicht nur relativ zu ihren materiellen Ressourcen Chancen auf dem Weg zum Projekt menschlicher Entwicklung in erheblichem Maße unausgeschöpft zu lassen, sondern auch im Vergleich zu anderen Entwicklungsregionen schlecht abzuschneiden: Die aus der zweiten Hälfte der neunziger Jahre stammenden Zahlen attestieren der arabischen Region erhebliche Defizite in der Realisierung instrumenteller Freiheiten, insbesondere hinsichtlich der Kriterien politische Freiheit und Partizipation, Gender-Gerechtigkeit und Bildung – verkürzt zu der inzwischen sattsam bekannten Formel: Die arabischen Gesellschaften sind reicher als sie entwickelt sind. Wo aber liegen die Wurzeln dieser Strukturdefizite, die weniger als Unter- denn als Fehlentwicklung begriffen werden können, und die innerhalb der in sich sehr heterogenen Region unterschiedliche Ausprägungen aufweisen?


Rentenökonomie als Hindernis

Die Autoren des AHDR benennen die rentenökonomische Struktur der arabischen Gesellschaften als Kern der arabischen Entwicklungsproblematik, weil innerhalb dieser die gesellschaftlichen Ideale wie Freiheit, produktive Arbeit, Wissen und gesellschaftliche Kooperation ersetzt worden seien durch entwicklungshemmende Merkmale wie autoritäre Machtentfaltung, privilegiensichernde Ranghierarchien, das Streben nach materiellem Reichtum und individualistischen Eigennutz.5 Sie greifen mit diesen Feststellungen zentrale Elemente der Erscheinungsformen gegenwärtiger arabischer Gesellschaftsstrukturen6 auf:

Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts reproduzieren sich die arabischen Gesellschaften – wenngleich in unterschiedlicher Intensität – auf der Basis jener Renteneinnahmen ökonomischer und politischer Natur, die insbesondere seit der Erdölpreiseskalation der siebziger Jahre zu fließen begannen. Diese Renteneinkünfte finanzierten ein Entwicklungsmodell, in dem die Verfügungsgewalt über die gesellschaftlichen Ressourcen in den Händen von Machteliten konzentriert ist, die sich zunächst in paternalistischer Form über distributive, wohlfahrtssteigernde Leistungen zu legitimieren vermochten. Zugleich wurde der Staat unabhängig von dem Zwang, seine Existenz durch Steuereinnahmen, und damit durch die Aufrechterhaltung einer produktiven ökonomischen Basis, zu finanzieren, und konnte auch auf demokratische Strukturen verzichten. Solche wären geradezu dysfunktional für das Funktionieren dieser Herrschaftsform: Patrimoniale Herrschaft ist fürsorglich – daher der Begriff „Brotdemokratien“ für die arabischen Gesellschaften der fünfziger bis siebziger Jahre –, aber nicht demokratisch im Sinne politischer Gleichheit und Partizipation, sondern ranghierarchisch. Der Zugang zu Ressourcen ist vermittelt über die Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie, diese wiederum über den Zugang zu Machtpositionen im Staatsapparat. Der relativen Autonomie der Macht nach innen entsprach freilich die Aufrechterhaltung, ja sogar Vertiefung der Abhängigkeit nach außen: In dem Maße, in dem die Renteneinnahmen zur Existenzgrundlage der arabischen Staaten wurden, musste sich ihre Außen- und Außenwirtschaftspolitik dem Ziel der Rentenakquirierung unterordnen, und damit nicht selten auch den Interessen externer Mächte.


Die historischen Wurzeln der Fehlentwicklung

Die entscheidende Frage ist nun freilich nicht die, ob der „Rentierstaat“ diese Strukturen und Erscheinungen hervorgebracht hat, ob also die Verfügungsgewalt über rentenfähige Ressourcen zwangsläufig gesellschaftliche Entwicklungsdynamiken produziert, die in Widerspruch zum Entwicklungsziel „menschlicher Entwicklung“ geraten müssen. Eine Rente ist zunächst nichts anderes als ein Kapitaleinkommen. Ob ein solches Kapitaleinkommen sich als entwicklungspolitischer Segen oder Fluch erweist, hängt davon ab, ob es zum Nutzen der Gesamtgesellschaft oder zur Privilegierung herrschender Eliten verwendet wird, d. h. es hängt ab von den politischen Macht- und Herrschaftsstrukturen. Dass diese sich nicht schematisch aus der bloßen Existenz von Renteneinkünften ergeben, zeigt das Beispiel Venezuelas, dem es gelang, seine Ölrenteneinkünfte zumindest zeitweise demokratischer Kontrolle zu unterwerfen und zur Modernisierung seiner Volkswirtschaft einzusetzen.

Die entscheidende Frage ist vielmehr die nach den historischen Konstellationen, die den Rentierstaat, und damit die gegenwärtigen arabischen Herrschaftsstrukturen, hervorgebracht haben. Diese Frage führt unausweichlich zurück auf komplexe historische Zusammenhänge, die dem Bewusstsein einer ahistorisch gewordenen Moderne entschwunden sind, hier aber nicht im Einzelnen ausgeführt werden können. Festgestellt werden kann jedenfalls, dass die koloniale Überlagerung, von der noch noch Marx erhoffte, dass sie den tribalen bzw. präkapitalistischen Gesellschaften einen kapitalistischen Modernisierungsschub bringen würde, für die arabischen Staaten stattdessen die Grundlagen der gegenwärtigen extrem parasitären Machtkonzentration geschaffen und damit zu regelrechten Entwicklungsblockaden geführt hat. Der einzige Schlüssel zu deren Auflösung liegt in jener radikalen Demokratisierung, von der nicht wenige Menschen in der arabischen Region träumen, die von außen freilich nur unterstützt, aber nicht mit Gewalt hineingetragen werden kann.

In einer Rede anlässlich der Veröffentlichung des AHDR 2002 hat Dr. Rima Khalaf Hunaidi, jordanische Politikerin und Initiatorin des AHDR, die Araber zur kritischen Selbstreflexion darüber aufgefordert, ob sie die Entwicklungsprobleme ihrer Region richtig angegangen sind, und hat, wie der AHDR im Ganzen, auf anklagende Gesten gegenüber der internationalen Staatengemeinschaft verzichtet. Ein zentrales und erhaltenswertes Prinzip der Funktionsweise tribaler Gesellschaften war das der Ausgewogenheit gegenseitigen Nehmens und Gebens – ist die westliche Selbstgefälligkeit über das kollektive mea culpa der arabischen Region eigentlich angebracht?






1) UNDP / AFSED: The Arab Human Development Report 2003. Building a Knowledge Society. New York 2003 (www.undp.org/rbas/ahdr/)
2) UNDP / AFSED: The Arab Human Development Report 2002. Creating Opportunities for Future Generations. New York 2002 (www.undp.org/rbas/ahdr/)
3) Amartya Sen: Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. München-Wien 2000; s. auch Christoph Wagner: Amartya Sen – Entwicklung als Freiheit, in: E+Z 2000:4, S. 116-119
4) http://hdr.undp.org/reports/default.cfm
5) AHDR 2002, u. a. S. 119f.; AHDR 2003, S. 134 ff.
6) Vgl. auch: Andreas Boeckh, Peter Pawelka (Hg.): Staat, Markt und Rente in der internationalen Politik. Opladen 1997; Werner Ruf (Hg.): Politische Ökonomie der Gewalt. Staatszerfall und die Privatisierung von Gewalt und Krieg. Opladen 2003; Ingrid El Masry: Die arabische Region im Challenge neoliberaler Globalisierungspolitik, in: Michael Berndt, Ingrid El Masry (Hg): Konflikt, Entwicklung, Frieden. Festschrift für Werner Ruf. Kassel 2003, S. 55-68



Ingrid El Masry promovierte in Kassel und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Philipps-Universität Marburg.
elmasry@staff.uni-marburg.de