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Beiträge aus der Rubrik Tribüne
Entwicklungstheorie: Wer ist Wer? 43. Folge: Walt Whitman Rostow
Von der Rentenökonomie zur Wissensgesellschaft
 12/2003
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Millikan und Rostow wollten das Verständnis von containment erweitern und deutlich machen, dass der Ost-West-Konflikt auch auf anderen Schauplätzen, nämlich in den Ländern Asiens, des Mittleren Ostens, Afrikas und Lateinamerikas, geführt werden muss. Diese befinden sich im zweiten Stadium des Rostowschen Modells, wo die Voraussetzungen für den take-off gelegt werden. Wird diese Phase erfolgreich durchlaufen, kommt es zum take-off und zum selbsttragenden Wachstum. Werden sie nicht gelegt, kommt es zur Krise. Dann haben die Kommunisten die Chance, die Macht zu übernehmen, wie das bereits in China geschehen ist, wie es sich in Vietnam und anderswo anbahnt. Der Prozess muss also von außen unterstützt werden durch Entwicklungshilfe. Das meint Next Phase, nachdem in der ersten Phase die amerikanische Politik zu sehr auf die Schaffung von Militärbündnissen und die Gewährung von Militärhilfe an der Peripherie des Kommunistischen Blocks konzentriert war. Rostow stellte Berechnungen an, wie viel Kapital benötigt wurde, um in den in Rede stehenden Ländern die Investitionsquote auf die kritische Marke zu heben. Bei einem angepeilten Pro-Kopf-Wachstum von jährlich 2 % seien für die folgende Dekade (die spätere 1. Entwicklungsdekade) ca. 2,5 3,5 Mrd. US$ jährlich zu mobilisieren, die durch staatliche Entwicklungshilfe und private Direktinvestitionen aufzubringen seien.
Drei Kriterien müssten erfüllt sein: die Existenz eines nationalen Entwicklungsplans, das nötige Potential, diesen umzusetzen, und die Möglichkeit, zusätzlich eigene Ressourcen zu mobilisieren. Neben der US-Regierung sollten die westlichen Alliierten, internationale Organisationen und private Investoren als Geber bewogen werden. Partner der Hilfe seien die neuen Eliten in den genannten Ländern, deren nationalistische Bestrebungen sich im Wunsch nach wirtschaftlicher und sozialer Modernisierung äußere. Zumindest in der Anfangsphase sei eine starke staatliche Komponente unverzichtbar, wobei das Militär im Zweifelsfall durchaus der geeignete Partner sei. So ähnlich ist bekanntermaßen seit den 1960er Jahren tatsächlich verfahren worden und jedes autokratische Regime gestützt worden, wenn es nur stramm antikommunistisch war und Entwicklung versprach. Die Allianz für den Fortschritt sollte beitragen zur politischen Reife.
Zuvor hielt es Rostow für notwendig, die außenpolitische Elite der USA davon zu überzeugen, dass Entwicklungspolitik durchaus in deren nationalem Sicherheitsinteresse liege. In The View from the Seventh Floor entwickelte er 1964 nochmals die fünf Dimensionen der globalen US-Strategie: (1) Bündnis mit Westeuropa, Kanada und Japan; (2) Unterstützung der Modernisierungsprozesse in der Dritten Welt durch Entwicklungshilfe; (3) Bündnis mit den neuen Eliten des Südens; (4) deren militärische Unterstützung im Kampf gegen kommunistische Umsturzbewegungen; (5) harter Umgang mit den kommunistischen Staaten. In den Fällen, wo die Kommunisten bereits die Macht übernommen haben, müssen sie mit Waffengewalt zurückgedrängt werden, damit sein zweites Stadium der preconditions for take-off in Ruhe durchlaufen werden kann.
Rostow wurde für sein Programm von republikanischer Seite heftig kritisiert, musste sich sogar gegenüber dem Kongress rechtfertigen, weil er die amerikanische Sicherheitspolitik aufzuweichen suche und zu sehr auf Planwirtschaft setze. Von konservativen Ökonomen wie P. T. Bauer und Milton Friedman wurde er wegen seines etatistischen Ansatzes sogar unter Sozialismusverdacht gestellt.
Dennoch Rostow und seine Mitstreiter vermochten sich durchzusetzen, Kennedy zu überzeugen. Zu Hilfe gekommen ist sicherlich die politische Offensive Chruschtschows vom Sputnik-Schock 1957 bis zur Kuba-Krise 1962, die einen beträchtlichen sowjetischen Machtzuwachs annoncierte. Die Etablierung der Entwicklungspolitik zu Beginn der 1960er Jahre, die Verkündung der Ersten Entwicklungsdekade, die Gründung der AID, der Allianz für den Fortschritt und des Peace Corps, die Gründung des DAC der OECD und die Umorientierung der Weltbank von Wiederaufbauhilfe nach dem Krieg auf Entwicklungsfinanzierung all das, also die Operationalisierung der neuen außenpolitischen Strategie, geht auf den Einfluss Rostows zurück. Ein kleiner Schönheitsfehler nur wurde übersehen, in der Hybris der Macht: Trotz aller Anstrengungen ließ die Wirklichkeit sich nicht so bewegen, wie in der Rostowschen Stadientheorie vorgesehen. Das verbindet ihn wieder mit Marx. Vietnam, das auserkorene Modell, wurde zum Trauma. Weil der Vietcong verhinderte, dass die preconditions for take-off im Süden geschaffen werden konnten, wurde der Krieg, nicht zuletzt durch Rostows Ratgeberschaft unter Johnson, immer weiter forciert. Erst der konservative Realist Kissinger vermochte mit dem Regierungswechsel zu Nixon das Treiben des liberalen Missionars Rostows zu stoppen, indem er die amerikanische Niederlage in Vietnam akzeptierte.
III. Wirkungsgeschichte
Was ist von Rostow geblieben? In den 1970er Jahren wurde er zur Reizfigur schlechthin nicht nur wegen seiner Rolle im Vietnamkrieg, sondern auch, weil er es gewagt hatte, einen Gegenentwurf zu Marx zu liefern. Die Themen Dependenz, Weltmarkt, Terms of Trade, Kolonialismus kamen bei ihm nicht vor. Hilfe von außen, Weltbank, Direktinvestitionen, Multis, Militärberater hatten bei ihm einen guten Klang. Ohne Vietnam hätte er sich einreihen können in die ehrenvolle Garde der Entwicklungspioniere, hätte er ans MIT zurückkehren und dort weiter viel beachtete Bücher schreiben können ohne den Hautgout des Kriegstreibers und Kommunistenfressers.
Geblieben sind seine Begriffe: take-off, preconditions of growth, selfsustained growth, Zeitalter des Massenkonsums. Aus heutiger Sicht, im Zeichen der großen Katastrophe der gescheiterten Staaten und der Schurkenstaaten, muss man erkennen, dass seine Forderung nach den politischen preconditions for take-off aktueller sind denn je. Das bleibende Verdienst ist, auch wenn er in seinem technokratischen Verständnis und dem unbegrenzten Optimismus über das Machbare weit über das Ziel hinaus geschossen ist, dass er einer der maßgeblichen Theoretiker war, die Entwicklungspolitik nicht nur zu ersinnen und ihre Notwendigkeit zu begründen wussten, sondern auch an den Schalthebeln der Macht für ihre praktische Einführung sorgten. Ob dabei die Interessen der US-Sicherheitspolitik und der Kampf gegen den Kommunismus das entscheidende Motiv waren, oder ob er sein entwicklungspolitisches Engagement geschickt politisch zu verpacken wusste, wie von realistischen Kritikern unterstellt, ist eine offene Frage. Die ungezählten vietnamesischen und die gezählten amerikanischen Opfer des Vietnam-Krieges stehen allerdings auch in seiner Bilanz. Der Titel seines letzten, posthum erschienenen Buches lautet Concept and Controversy: Sixty Years of Taking Ideas to Market.
Schriften von Walt W. Rostow
1955: Marx Was a City Boy, or Why Communism May Fail, in: Harpers Magazine 210.1955, Nr. 1257, S. 25-30
1957: mit Max F. Millikan:
A Proposal: Key to an Effective Foreign Policy. New York, Harper. Reprint Westport CO,
Greenwood Press 1976
1957: mit Max F. Millikan:
Foreign Aid: Next Phase,
in: Foreign Affairs 36.1957/58, 3, S. 418-436.
1960: The Stages of Economic Growth:
A Non-communist Manifesto. Cambridge MA, Cambridge University Press; 2. Aufl. 1971, darin: Appendix B, S. 172-241 (= Antwort auf Kritik). Dt. u. d. T. Stadien wirtschaftlichen Wachstums. Eine Alternative zur marxistischen Entwicklungstheorie. Göttingen,
Vandenhoeck & Rupprecht 1960
1964: View from the Seventh Floor. New York, Harper & Row
1971: Politics and the Stages of Growth. Cambridge, Cambridge University Press
1975: How It All Began. Origins of the Modern Economy. London, Methuen
1978: The World Economy. History & Prospect. London, MacMillan
1985: Eisenhower, Kennedy and Foreign Aid. Austin, University of Texas Press
1990: Theorists of Economic Growth from David Hume to the Present, with a Perspective to the Next Century. New York, Oxford University Press
2003: Concept and Controversy: Sixty Years of Taking Ideas to Market. Austin, University of Texas Press
Schriften über Walt W. Rostow
Charles P. Kindleberger / Guido di Tella (Hg.): Economics in the Long View: Essays in Honour of Walt Whitman Rostow. 3 Bände, London, MacMillan 1982
Bruno Knall:
Wirtschaftserschließung und Entwicklungsstufen. Rostows Wirtschaftsstufentheorie und die Typologie von Entwicklungsländern. In: Weltwirtschaftliches Archiv 88.1962, I, S. 184-258
Kimber Charles Pearce: Rostow, Kennedy, and the Rhetoric of Foreign Aid. East Lansing,
Michigan State University Press 2001
Weiterführende Schriften
Yvonne Baumann:
John F. Kennedy und Foreign Aid. Die Auslandshilfepolitik der Administration Kennedy unter besonderer Berücksichtigung des entwicklungspolitischen Anspruchs. Stuttgart, Franz Steiner 1990
Gerald M. Meier / Dudley Seers (Hg.):
Pioneers in Development.
New York, Oxford University Press 1984
Gerald M. Meier (Hg.):
Pioneers in Development, Second Series.
New York, Oxford University Press 1987
Prof. Dr. Ulrich Menzel lehrt internationale Beziehungen an der TU Braunschweig.
ulrich.menzel@tu-bs.de
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