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11/2006
 

[ Weltentwicklungsbericht ]

Demographisch befristete Chancen

Fast ein Viertel der Weltbevölkerung, 1,5 Milliarden Menschen, fallen in die Altersgruppe 12 bis 24 Jahre. 1,3 Milliarden davon leben in Entwicklungsländern. Der diesjährige Weltentwicklungsbericht der Weltbank „Development and the next generation“ empfiehlt Regierungen, ihre Jugend mit guten Bildungschancen zu versorgen. Wichtig sei zudem die Befähigung, eine sinnvolle Wahl für die eigene Ausbildung zu treffen. Wer es im ersten Anlauf nicht schaffe, verdiene eine zweite Chance.

Selbstverständlich hing gesellschaftliche Zukunft immer von der jungen Generation ab. Dennoch steht die Menschheit heute vor ganz besonderen demographischen Herausforderungen. Alterung ist ein globaler Trend, der aber nicht alle Nationen zur gleichen Zeit trifft.

In den meisten reichen Ländern ist die „Baby-Boom“-Generation jetzt in den 30ern und 40ern. Für Länder wie Deutschland, Japan oder Italien ist Alterung bereits ein spürbar großes sozialpolitisches Problem. Schließlich müssen immer mehr Ruheständler von einer langsam schrumpfenden Erwerbestätigenzahl versorgt werden. Wie die Weltbankexperten konstatieren, muss früh gehandelt werden, um die sozialen Probleme und Spannungen, die dieser Trend mit sich bringt, abzumildern: „Wenn Jugendliche über lange Zeit hinweg arbeitslos bleiben, wie etwa im Fall der ,Baby-Boom‘-Generation in Europa und den USA, ist das nicht nur eine Verschwendung menschlicher Ressourcen – es birgt auch Risiken wie falsche Erwartungen und soziale Spannungen, die die Rahmenbedingungen für Investitionen und Wachstum beeinträchtigen können.“

Nach Ansicht der Weltbank bietet die Demographie vieler Entwicklungsländer Chancen für schnelleres Wachstum und Armutsbekämpfung: „Dank der Entwicklungserfolge der vergangenen Jahrzehnte erfahren mehr junge Leute eine Grundschulbildung und überleben Kinderkrankheiten.“ Die Herausforderung sei nun, möglichst vielen von ihnen gute sekundäre Schulbildung und eine solide Berufsausbildung zu ermöglichen.

Schließlich bestimme die Produktivität dieser Generation langfristig über den Wohlstand ihrer Volkswirtschaften, da die Geburtenraten bereits sänken oder demnächst sinken würden. Gut ausgebildet könne die heutige Jugend nie da gewesenen Wohlstand schaffen. Längere Arbeitslosigkeit könne sie aber auch zur Belastung der Wirtschaft werden lassen.

„Die meisten Entwicklungsländer haben ein kurzes Zeitfenster zur Lösung dieser Frage, bevor ihre Rekordzahlen an Jugendlichen ins mittlere Alter kommen und die Länder ihre demographische Dividende verlieren“, sagt Emmanuel Jimenez, Hauptautor des Berichts. Nach Weltbankzahlen stellen junge Leute fast die Hälfte der Arbeitslosen weltweit. In Nordafrika und im Nahen Osten würden bis 2020 allein 100 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze gebraucht, um die Beschäftigungssituation lediglich zu stabilisieren.

Der Bericht betont die demographischen Chancen, spielt aber Risiken nicht herunter. Die Frustration junger Leute entlade sich häufig in ökonomischen und sozialen Krisen. Ein Auslöser des ethnischen Konflikts auf Sri Lanka sei beispielsweise die Frustration tamilischer Studenten gewesen, „die von Studienplätzen und anderen Wegen der gesellschaftlichen Mitwirkung ausgeschlossen worden waren“. Der Bericht betont, dass Menschen ihr Verständnis von Bürgerrechten, Gerechtigkeit und angemessenen Formen politischen Engagements in jungen Jahren ausbildeten. Diese Einstellungen beeinflussten häufig das Verhalten für viele Jahrzehnte.

Damit ihre Gesellschaften vorankommen, müssen Jugendlichen laut Weltbank fünf Dinge gelingen:
– eine Ausbildung erlangen,
– Arbeit finden,
– gesund bleiben,
– Familien gründen und
– staatsbürgerliches Engagement ausüben.

Der Bericht betont die Bedeutung einer angemessenen Gesundheitspolitik. Die heutige Generation müsse mit „der Last neuer Gesundheitsprobleme, wie sexuell übertragbaren Krankheiten und Fettleibigkeit“ fertig werden. Laut Weltbank sind mehr als die Hälfte der fünf Millionen Menschen, die sich 2005 mit HIV/Aids infizierten, zwischen 15 und 24 Jahre alt, die Mehrheit davon junge Frauen und Mädchen. (dem)





Im Internet:
World Development Report 2007:
„Development and the next generation“
http://www.worldbank.org/wdr2007