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Interview mit Montek Ahluwalia, IWF
 11/2003
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[ Interview mit Montek Ahluwalia, IWF ]
Manche Kritik am IWF ist nicht berechtigt
Jahrelang diskutierte die Leitung des Internationalen Währungsfonds (IWF) über eine IWF-Abteilung für Evaluierung. Erst die Kritik an den IWF-Programmen während der Asienkrise Ende der 90er Jahre gab im Juli 2001 den Ausschlag für die Einrichtung des Independent Evaluation Office (IEO). Auf einer von InWEnt organisierten Konferenz vom 22. bis 23. September in Berlin stellte das IEO seine ersten drei Evaluierungsberichte vor. Fragen an IEO-Direktor Montek Ahluwalia.
Herr Ahluwalia, die Aktivitäten des IWF werden seit Jahren von Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftlern beobachtet und bewertet. Wozu braucht der IWF ein eigenes Evaluierungs-Büro? Warum nutzt der Fonds nicht externe Evaluierungen?
Ich bin sicher, dass er sie nutzt. Aber wir haben einen großen Vorteil gegenüber externen Evaluierungen, und der besteht darin, dass wir uneingeschränkten Zugang zu internen Dokumenten des IWF haben. Wenn wir eine Evaluierung präsentieren, dann können wir sagen, wie es innerhalb des IWF zu bestimmten Entscheidungen gekommen ist. Ich denke, dass das für die Geschäftsführung, die Exekutivdirektoren, sehr hilfreich ist. Das Direktorium muss sich irgendwann für eine bestimmte Vorgehensweise entscheiden, aber es ist nützlich, ihm einen Eindruck zu geben von der internen Debatte und den Alternativen, die erwogen wurden.
Wie stark nutzen Sie für Ihre Berichte die Expertise externer Akteure, zum Beispiel von NROs?
Die Mehrheit der IEO-Mitarbeiter kommt von außerhalb des IWF. Zudem arbeiten wir ausgiebig mit externen Beratern zusammen und sind sehr offen für Anregungen, auch von NROs. Wir führen aber keine gemeinsamen Evaluierungen mit NROs durch.
In der IEO-Satzung heißt es, das Büro arbeite unabhängig, aber in Reichweite des Exekutivdirektoriums. Können Sie zum Beispiel einen Bericht veröffentlichen, mit dem die Geschäftsführung nicht einverstanden ist?
Das Direktorium kann Veröffentlichungen zurückhalten, aber nur aus besonderen Gründen. Ansonsten veröffentlichen wir unsere Berichte so schnell wie möglich. Wichtig ist außerdem, dass allein der Direktor des IEO entscheidet, was evaluiert wird. Wenn unserer Meinung nach bestimmte Dinge geprüft werden müssen, dann kann uns die Geschäftsführung nicht davon abhalten.
Aber wenn Sie zu Ergebnissen kommen, mit denen die Exekutivdirektoren nicht einverstanden sind, können diese den Bericht dann zurückhalten?
Ich glaube nicht, dass das Direktorium einen Bericht wegen seiner Ergebnisse stoppen würde. Es kann in manchen Fällen aber sinnvoll sein, die Veröffentlichung um einige Monate zu verschieben zum Beispiel wenn ein Land, das wir in Augenschein genommen haben, in heiklen Verhandlungen steckt, über neue Kredite oder eine Umschuldung beispielsweise, die durch unseren Bericht beeinflusst werden könnten. Für solche Fälle muss die Geschäftsführung das Recht haben, eine Veröffentlichung ausnahmsweise zurückzuhalten. Aber zurückhalten bedeutet nicht für immer zurückhalten.
In Ihrer Evaluierung von IWF-Programmen in Finanzkrisen der letzten Jahre heißt es, ein Hauptproblem, zum Beispiel in Indonesien, sei der Mangel an politischer Verpflichtung auf die Programme gewesen. Im Gegensatz dazu sind viele Experten der Ansicht, dass Malaysia besser weggekommen ist als andere asiatische Krisenländer, gerade weil es dem IWF nicht gefolgt ist.
Wir haben Malaysia nicht untersucht, weil von uns erwartet wird, die Aktivitäten des IWF zu evaluieren. Aber in der Tat stehen wir dem IWF-Programm in Indonesien kritisch gegenüber. Es wurden Fehler gemacht, und wir haben Empfehlungen abgegeben, deren Befolgung vergleichbare Fehler künftig vermeiden würde.
Joseph Stiglitz, der frühere Chefökonom der Weltbank, hat das Verhalten des IWF während der Asien-Krise scharf kritisiert; es sei von einer engstirnigen orthodoxen Wirtschaftslehre bestimmt gewesen
Es besteht kein Zweifel daran, dass das IWF-Programm in Indonesien gescheitert ist und wir dort eine sehr ernste Krise hatten. Manche Kritik am IWF ist aber nicht berechtigt. Zum Beispiel ist behauptet worden, der Abschwung in Indonesien sei durch eine zu rigide Währungspolitik verursacht worden. Es stimmt, dass der IWF eine straffe Währungspolitik gefordert hat, doch die Indonesier haben darauf überhaupt nicht gehört, und die Währungspolitik in Indonesien war in Wahrheit ziemlich locker. Es stimmt also nicht, dass das Ergebnis so schlimm war, weil die falsche Währungspolitik verfolgt wurde. Andere Kritik hingegen ist berechtigt. Die haushaltspolitischen Ziele hätten nicht so streng sein müssen; freilich sind sie in der Praxis ziemlich schnell revidiert worden.
Ein anderer IEO-Bericht befasst sich mit IWF-Programmen zur Haushaltskonsolidierung. Kritiker sagen, diese Programme führen zu Kürzungen bei Sozialausgaben. Hat ihre Evaluierung das bestätigt?
Viele dieser Verallgemeinerungen sind nicht gerechtfertigt. Unsere Evaluierung basiert auf einer Querschnittsanalyse von 130 Ländern, und eines unserer Ergebnisse ist, dass in Ländern mit IWF-Programmen nicht zwangsläufig die Ausgaben für soziale Sicherung gekürzt werden im Gegenteil. Wenn ein Land sich in einer Krise befindet, kann es zu Kürzungen bei den Sozialausgaben kommen, ob mit oder ohne IWF-Programm, und unsere Untersuchung lässt sogar den Schluss zu, dass IWF-Programme im Durchschnitt eine leichte Erhöhung der Sozialausgaben zur Folge hatten.
Ist die Kritik an den Programmen also völlig unbegründet?
Nein. Wir haben herausgefunden, dass oft bei einigen wichtigen Posten im Sozialetat gespart wird, auch wenn die Sozialausgaben insgesamt nicht zurückgehen. So kann es zum Beispiel sein, dass in Krankenhäusern die Bezahlung der Belegschaft nicht von Kürzungen betroffen ist, gleichzeitig aber nicht genug Geld da ist für wichtige Arzneimittel und Impfstoffe. Unsere Schlussfolgerung daraus lautet, dass es nicht genügt, nach den Gesamtausgaben für soziale Sicherung zu fragen, weil dadurch aus dem Blick geraten kann, dass Posten, die vor allem für die Armen von großer Bedeutung sind, stark betroffen sein können.
Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.
Informationen über das IEO und die bisher veröffentlichten Evaluierungsberichte im Internet: www.imf.org/external/np/ieo
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