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Debatte


„Katrina wirkt sich spürbar auf den Ölpreis aus“

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10/2005
 

[ Frank Harrigan, Asiatische Entwicklungsbank ]

„Katrina wird weltweit zu spüren sein“

Steigende Ölpreise sind eine schwere Last für die Weltwirtschaft. Die jüngste Preiserhöhung wurde von der wachsenden Nachfrage insbesondere in China und Indien verursacht. Frank Harrigan von der Asiatischen Entwicklungsbank sprach mit E+Z/D+C über die internationalen Folgen.


Was hat den Anstieg der Ölpreise verursacht?
Der Anstieg geht sowohl auf grundlegende Kräfte von Angebot und Nachfrage als auch einen erheblichen Risikoaufschlag zurück, der die geopolitischen Unsicherheiten spiegelt. Die größte Nachfrage gibt es noch immer in den OECD-Ländern, in die laut der Internationalen Energieagentur im vergangenen Jahr 49,5 der weltweit 82,1 Millionen Barrel täglich flossen. Allerdings steigt die Nachfrage in Nicht-OECD-Ländern rasch an – vor allem in China, Indien und anderen Entwicklungsländern in Asien. Auf der Angebotsseite wiederum wurde angesichts relativ niedriger und stabiler Preise in den 1990er Jahren zu wenig in Förderung und Verarbeitung investiert. Dadurch gibt es kaum Kapazitäten zur Überschussproduktion. Diese Situation verschärft sich zusätzlich, wenn der Nachschub aus wichtigen Fördergebieten unterbrochen wird. Die Ölindustrie befindet sich am Übergang von einer Ausbeutungs- und Förderphase zu einer Erkundungs- und Investitionsphase. Die höheren Preise spiegeln insofern auch die Erwartung höherer längerfristiger Grenzkosten der Ölproduktion.

Hat der Wirbelsturm Katrina die Lage zusätzlich verschlechtert?
Katrina wird weltweit die Preise für Ölprodukte anheben und sich zudem auf das US-Wirtschaftswachstum auswirken. Zwar hat die Freigabe von strategischen Ölreserven durch die USA und Europa die Rohölpreise sinken lassen, doch das ist wahrscheinlich nur ein vorübergehender Effekt. Katrina hat eine ohnehin angespannte Versorgungssituation verschlimmert und deutlich gemacht, wie empfindlich der Ölmarkt auf Angebotsengpässe reagiert. Früher oder später müssen die strategischen Reserven wieder aufgefüllt werden. Die Ölpreise könnten dann wieder steigen – und das könnte Asien als großer Rohöl importierender Region schaden. Die Auswirkungen von Katrina auf die US-Wirtschaft sind schwer abzuschätzen, aber die meisten stimmen darin überein, dass der Wirbelsturm das Wachstum kurzfristig bremsen wird. Zudem wird der Inflationsdruck steigen. Die Erfahrungen mit anderen Naturkatastrophen legen jedoch nahe, dass die Auswirkungen nur vorübergehend sein werden und sich das Wachstum wieder beschleunigt, wenn der Wiederaufbau beginnt. Wenn Katrina allerdings das Vertrauen von Konsumenten und Investoren in den USA entscheidend schwächt und sich das Wirtschaftswachstum über einen längeren Zeitraum verlangsamen sollte, dann würde sich der Wirbelsturm zweifellos auch auf die internationale Wirtschaft schädlich auswirken.

Welche Folgen hat das hohe Preisniveau mittel- und langfristig für China und Indien?
Der langfristige Trend in der Energienachfrage in diesen Ländern kennt nur eine Richtung: aufwärts. Ihr Durst nach Öl ist – angetrieben durch ein starkes Wirtschaftswachstum – schnell größer geworden – seit 1990 um ungefähr sieben Prozent im Jahr. Die internationale Nachfrage ist im gleichen Zeitraum nur 1,3 Prozent jährlich gestiegen. In nächster Zukunft wird in China und Indien die Nachfrage nach Benzin wahrscheinlich schnell zunehmen, da die Einkommen ein Niveau erreichen werden, das den Besitz von Privatfahrzeugen möglich macht. Bislang haben die hohen Ölpreise das Wirtschaftswachstum in Indien und China kaum beeinflusst, weil Unternehmen und Konsumenten durch Subventionen und Regulierungen vor den Preiserhöhungen geschützt wurden. Seit einiger Zeit steigt der Druck jedoch, und es wird immer wahrscheinlicher, dass die Last des hohen Ölpreises an Haushalte und Unternehmen weitergegeben wird – und dass dies das Wachstum der Einkommen begrenzen wird. Wir schätzen, dass ein Anstieg der Ölpreise auf 70 US-Dollar pro Barrel das Wachstum in beiden Ländern um einen Prozentpunkt verringern würde. Sowohl Indien als auch China reagieren empfindlich auf hohe Ölpreise, da sie Nettoimporteure sind und im Vergleich zu Industrieländern wenig energieeffizient wirtschaften. Langfristig besteht die Herausforderung für beide Länder darin, die Energieeffizienz und eine möglichst breite Mischung von Energiearten zu fördern. Das setzt voraus, dass die Preise die wahren Kosten des Ölkonsums spiegeln – auch die Kosten für die Umwelt.

Welche Konsequenzen ergeben sich für kleinere Staaten mit mittlerem Einkommen?
Kurzfristig ein verlangsamtes Wachstum. Wir erwarten für Ostasien außer China ein Wachstum von 3,8 Prozent – und korrigieren unsere Prognose vom April von 4,4 Prozent deutlich nach unten. Für Südostasien haben wir das Wachstum für 2005 von 5,4 auf 5,0 Prozent nach unten korrigiert. Für die Eintrübung sind eine Reihe Faktoren verantwortlich, aber der Hauptgrund ist der hohe Ölpreis.

Welche Probleme werden die am wenigsten entwickelten Länder bekommen?
Generell wirken sich hohe Ölpreise auf die armen Ölimporteure am schlimmsten aus. Diese Länder haben in der Regel kleinere Devisenreserven, höhere Auslandsschulden und nur begrenzten Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten. Arme Länder mit derart eingeschränkter Finanzierungskapazität haben wenig Bewegungsspielraum, um die Auswirkungen höherer Ölrechnungen abzufangen. Als Folge muss möglicherweise die inländische Nachfrage gedrosselt werden, um die Zahlungsbilanz zu stabilisieren.

Wie kann ihnen geholfen werden?
In den schwierigsten Fällen muss geprüft werden, ob die Zahlungsbilanz gestützt werden muss oder ob andere finanzielle Hilfen zu konzessionären Bedingungen erforderlich sind. Bleibt der Ölpreis jedoch hoch, dann sind schwierige Anpassungsmaßnahmen unvermeidbar. Auf lange Sicht müssen hochempfindliche Staaten darüber nachdenken, wie sie ihre Energieeffizienz verbessern und ihre Energiequellen diversifizieren können.

Wie bewerten Sie das Risiko, dass kurzfristige Gewinne die Ökonomien von Entwicklungsländern mit Öl- und Gasvorräten verzerren oder sogar schädigen?
Kurzfristig erhöht ein boomender Ölsektor den inländischen Inflationsdruck. Und der Staat muss aufpassen, dass er die Inflation nicht zusätzlich anheizt, indem er Mehreinnahmen aus den höheren Ölpreisen zu schnell ausgibt. Höhere Ölpreise können auch die Wechselkurse der Währungen von Rohöl-Exporteuren nach oben drücken. Die Gefahr einer starken und abrupten Aufwertung besteht darin, dass sie die Wirtschaft in eine Schieflage bringen kann, indem Exportgüter aus den Nicht-Öl-Sektoren verdrängt werden. Wird die ökonomische Basis eines Landes zu schmal, kann es schwer getroffen werden, wenn der Boom auf dem Ölmarkt einmal zu Ende ist. Oder es sieht sich schwierigen Anpassungsmaßnahmen gegenüber, sollten die Ölvorräte versiegen. Um die Vorteile höherer Ölpreise zu nutzen und solche Risiken zu mindern, sollten Ölexporteure ihre zusätzlichen Einnahmen so investieren, dass der Zustrom von Devisen längerfristig gewährleistet ist, um Projekte und Programme zur Erreichung der nationalen Entwicklungsziele finanzieren zu können. Das sind einige der Herausforderungen, denen Rohöl exportierende Länder in Zentralasien vermutlich bald gegenüberstehen.

Die Fragen stellte Hans Dembowski.



Dr. Frank Harrigan
ist stellvertretender Chefökonom der Asiatischen Entwicklungsbank. Er ist britischer Staatsbürger und erwarb seinen Doktortitel in Volkswirtschaft an der Strathclyde University in Großbritannien.
fharrigan@adb.org