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E-Commerce: Kein Geschäft für die Armen
 10/2003
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[ Neues aus der Wissenschaft ]
E-Commerce: Kein Geschäft für die Armen
Die Verbreitung von Mobiltelefon, Computer und Internet kann in den armen Ländern deutliche Entwicklungsfortschritte bringen, lautet eine These, die in internationalen Entwicklungsorganisationen viele Anhänger hat. Eine Anwendung, an die sich solche Versprechungen knüpfen, ist der elektronische Handel, zum Beispiel auf so genannten elektronische Marktplätzen. Dabei handelt es sich zum Beispiel um eine Website, auf der Unternehmen ihre Waren anbieten können und Interessenten diese Angebote einsehen oder gezielt Kaufgesuche abgeben können. Der elektronische Handel biete vor allem Unternehmen aus Entwicklungsländern große Chancen, weil er ihnen weltweit neue Absatzmärkte eröffne, die vorher unerreichbar gewesen seien, so eine weit verbreitete Hoffnung.
Diese Erwartung wird deutlich gedämpft durch die Ergebnisse einer Untersuchung von Wissenschaftlern der London School of Economics (LSE) und des Institute for Development Studies (IDS) an der Universität Sussex. Die Forscher haben 180 elektronische Marktplätze analysiert und 74 Exportunternehmen aus der Textillindustrie und dem Gartenbau in Bangladesch, Kenia und Südafrika nach ihren Erfahrungen befragt. Das Ergebnis: Der elektronische Handel vertiefe vor allem bereits bestehende geschäftliche Kontakte, er sei jedoch wenig hilfreich bei dem Bemühen, neue dauerhafte Geschäftsbeziehungen zu schmieden.
Die Forscher nennen zwei Gründe dafür: Zum einen mangele es auf vielen elektronischen Marktplätzen an Informationen über die Qualität von Produkten, die Verlässlichkeit von Anbietern oder die Bonität von Käufern beispielsweise , die nötig seien, um Vertrauen zwischen Geschäftspartnern herzustellen. Zur Anbahnung neuer Geschäftsbeziehungen genüge es aber nicht, lediglich potenzielle Handelspartner auf einem virtuellen Marktplatz zu versammeln.
Zum anderen verweisen die Autoren darauf, dass ein zunehmender Anteil des internationalen Handels innerhalb bereits bestehenden Wertschöpfungsketten beziehungsweise Firmennetzwerken abgewickelt wird. Das reduziere die Chancen von Anbietern aus Entwicklungsländern erheblich, über elektronische Marktplätze lukrative Aufträge zu erhalten. Gleichzeitig stellen die Forscher fest, dass zur Koordination der Geschäfte innerhalb von Wertschöpfungsketten zunehmend komplexe Informations- und Kommunikationstechnologien eingesetzt werden. Mittelfristig könne dieser Trend dazu führen, dass Zulieferer aus Entwicklungsländern Aufträge verlieren, weil sie nicht schnell genug Zugang zu diesen Technologien erhalten. Mit anderen Worten: Nicht nur bringen moderne Informations- und Kommunikationstechnologien Unternehmen aus armen Ländern bisher kaum Vorteile, ihre verstärkte Anwendung im internationalen Handel könnte sich sogar als Wettbewerbsnachteil für sie erweisen.
An die Politik richten die Autoren die Empfehlung, beim Ausbau der Infrastruktur in armen Ländern sich auf alte Aufgaben wie die Verbesserung der Transportwege oder die Entbürokratisierung der Güterabfertigung zu konzentrieren: Diese Aspekte verlieren auch im ,digitalen Zeitalter keineswegs an Bedeutung. Gleichwohl müsse auch die informationstechnologische Infrastruktur in Entwicklungsländern ausgebaut werden, weil sonst Unternehmen von dort bald keine Chance mehr als Zulieferer in globalen Wertschöpfungsketten hätten. Allerdings müsse dabei in jedem einzelnen Fall präzise der Bedarf ermittelt werden. Eine Politik, die darauf ziele, in armen Ländern möglichst schnell flächendeckend Zugang zu Computer und Internet zu schaffen, sei teuer und wirkungslos. (ell)
John Humphrey, Robin Mansell, Daniel Paré, Hubert Schmitz: The Reality of E-commerce with Developing Countries. Im Internet: www.gapresearch.org/production/Report.pdf
Neues aus der Wissenschaft unter diesem Rubrum stellen wir regelmäßig in knapper Form wichtige Forschungsergebnisse vor, die neue Aspekte in die entwicklungspolitische Diskussion einbringen. Dazu ist die Redaktion auf die Mitarbeit der Wissenschaft angewiesen: Um Anregungen für Beiträge wird gebeten. (Zuletzt erschienen: Auslandsinvestitionen: Demokratien bevorzugt?, E+Z 2003:4, 173)
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