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Zweiter Weltkrieg:
Ein vergessenes Kapitel


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8-9/2005
 

Zweiter Weltkrieg:
Ein vergessenes Kapitel

Rheinisches JournalistInnenbüro:
„Unsere Opfer zählen nicht“.
Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg.
Berlin, Assoziation 2005, 444 Seiten,
29,50 Euro, ISBN 3-935936-26-5

Der 60. Jahrestag des Kriegsendes hat es einmal mehr gezeigt: Der Zweite Weltkrieg wird in Deutschland immer noch als europäischer Konflikt wahrgenommen. Schon die Tatsache, dass der Weltkrieg in Asien erst am 15. August 1945 mit der Kapitulation Japans endete, wird weithin ausgeblendet. Dabei starben auf Asiens Kriegsschauplätzen Abermillionen Tote. Kaum ein Land im Mittleren Osten, in Afrika oder Ozeanien war nicht vom Krieg betroffen. Selbst Lateinamerika spürte die Auswirkungen des Weltkrieges.

Millionen Afrikaner und Asiaten wurden als Soldaten, Träger und Zwangsarbeiter von beiden Seiten eingesetzt – und nach Kriegsende vergessen. Das Verdienst, diese Lücke in der öffentlichen Wahrnehmung geschlossen zu haben, kommt einer Gruppe Kölner Journalisten zu. Sie hat nach zehnjährigen Recherchen eine Dokumentation über die „Dritte Welt“ im Zweiten Weltkrieg vorgelegt. Das Buch will diesen vergessenen Opfern eine Stimme geben. Viele Zeitzeugen kommen zu Wort. Sie erzählen von ihren Erlebnissen auf den Schlachtfeldern, von den Strapazen der Sklavenarbeit in den Regenwäldern Burmas, von den Demütigungen durch die Offiziere der Kolonialmächte und von den gebrochenen Versprechen auf Freiheit nach dem Ende des Krieges. So wurden in Algerien am Tag des Kriegsendes in Europa an die 45 000 Menschen von französischen Truppen zusammengeschossen, weil sie für die Unabhängigkeit demonstrierten.

Aus Sicht der Kolonisierten waren die Fronten zwischen Freund und Feind mitunter nur schwer zu ziehen. Die französischen Kolonien in Afrika zum Beispiel kämpften zunächst gegen die Deutschen, nach Einsetzung der Vichy-Regierung jedoch überwiegend auf Seiten der Achsenmächte. Nur die zentralafrikanischen Gebiete hörten von Anfang an auf das Kommando de Gaulles. Im Mittleren Osten sympathisierten viele Araber wegen Hitlers Judenpolitik mit Deutschland. Führer wie der Mufti von Jerusalem konspirierten mit Berlin gegen England. Im Irak fand 1941 ein Putsch gegen die pro-englische Regierung statt, der den Nazis den Weg nach Indien freimachen sollte. Abenteuerlich ist die Geschichte des indischen Freiheitskämpfers Subhas Chandra Bose, Ex-Präsident des Nationalkongresses, der mit Deutschland und Japan paktierte, um Indien vom Joch der britischen Herrschaft zu befreien.

Die Dokumentation ist ein großartiger Beitrag zum Verständnis der Kolonialgeschichte Asiens und Afrikas. Sie illustriert, wie aus den Erfahrungen des Krieges der Wunsch nach Unabhängigkeit und Gleichberechtigung wuchs. Gleichzeitig brachte die Kriegswirtschaft ökonomische Strukturen hervor, die bis heute die Entwicklung behindern. Vor allem aber zeigt sie die Geschichte des Weltkrieges aus der Perspektive der kolonisierten Völker. Ihre Opfer harren noch immer der Würdigung.

Dieter Brauer