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8-9/2005
 

Afrika:
Stand der Debatte

Mir A. Ferdowsi (Hg.):
Afrika – ein verlorener Kontinent?
Stuttgart, UTB 2004, 382 Seiten,
31,90 Euro, ISBN 3-8252-8290-2

Der Titel mag unglücklich formuliert sein, doch wird das Buch dem von Ferdowsi in der Einleitung formulierten Anspruch, ein differenziertes Afrikabild zu zeichnen, in hohem Maße gerecht. Besonders die Beiträge von Stefan Mair und Rainer Tetzlaff über intern angestoßene Demokratisierungsbemühungen machen deutlich, dass es in Afrika eine ganze Reihe hoffnungsvoller Ansätze gibt. Tetzlaff geht auf Sambia, Tansania und Burkina Faso ein, Mair nennt außerdem Botswana, Namibia, Südafrika und Ghana. Der Band bietet insgesamt einen ausgezeichneten Überblick über den derzeitigen Stand der Afrikadebatte.

Dennoch bleibt die Frage, ob die mehr oder minder vergleichend und summarisch argumentierenden Analysen zur Situation des Kontinents der Wirklichkeit gerecht werden. Zwar ist der zentralen These des Bandes, dass „die Rekonstruktion und Wiedererlangung des staatlichen Gewaltmonopols in Zukunft zur Schicksalsfrage Afrikas“ werden wird, kaum zu widersprechen. Doch trotz aller gebotenen Differenzierungen, die bei Mair, Tetzlaff und Volker Matthies (mit Blick auf friedliche Konfliktbearbeitung) Erkenntnisgewinne zeitigen, werden gerade viele für diese These bedeutsamen Phänomene nur gestreift. So erscheint es unzureichend, wenn Mair in seinem Text Nigeria als „Paradebeispiel“ für Staatsverfall trotz Ressourcenreichtums benennt und dabei pauschal auf die notorische Kriminalität, „zunehmende Ressourcenkonflikte“ und drohende ethnisch-religiöse Konflikte zwischen Haussa und Yoruba verweist.

Nötig wäre hier eine gründliche Analyse des Nebeneinanders von staatlichen und nichtstaatlichen Strukturen gewesen. Welche Rolle spielen – um nur ein Beispiel zu nennen – die traditionellen Würdenträger im nigerianischen Norden? Sie haben nicht nur de facto die Kontrolle über die Region, sie wirken auch tief in die Politik hinein und versuchen ihre Interessen unter anderem über die Durchsetzung der Sharia zu wahren.

Lokal ausdifferenzierte Analysen hätten nicht nur geholfen, das vorhandene Konfliktpotenzial präziser einzuschätzen. Sie sind auch der erste Baustein für eine kohärente Menschenrechts- und Demokratisierungspolitik. Deren mangelnde Konsistenz kritisieren Siegmar Schmidt am Beispiel der Europäischen Union und Andreas Mehler anhand der bundesrepublikanischen Politik zu Recht.

Verdienstvoll sind die Beiträge von Denis M. Tull zum Thema Migration und von Gerhard Grohs zum Menschenrechtsschutz durch die Afrikanische Charta. Vermissen wird der Leser im letzten Teil des Buches, wo es um den „Beitrag externer Akteure“ geht, eine Analyse der US-Politik.

Angebracht wäre in diesem Abschnitt auch eine Einschätzung des immer stärker werdenden chinesischen Einflusses auf viele afrikanische Länder gewesen.

Uwe Kerkow