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Experten diskutieren neue Leitbilder

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Eine afrikanische Perspektive


8-9/2004
 

[ Lateinamerika ]

Experten diskutieren neue Leitbilde

Welchen Kurs nimmt die entwicklungspolitische Debatte in Lateinamerika in den kommenden Jahren? Mit dieser Frage beschäftigten sich Fachleute im Rahmen eines Gedankenaustausches in der Hauptstadt von Paraguay. Zu dem Forum hatte die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) gemeinsam mit dem Institut für Iberoamerika-Kunde in Hamburg eingeladen. InWEnt wird den Fortgang der Debatte im Internet moderieren.


Fast 55 Prozent der Lateinamerikaner würden heute eine autoritäre Regierung wählen, wenn diese ihre ökonomischen Probleme löst. Nach Jahrzehnten der Demokratisierung steht der Kontinent immer noch am Anfang. Einerseits werden die Länder der Region nun von demokratisch gewählten Politikern geführt. Auf der anderen Seite wächst die Frustration über die Art und Weise, wie die gewählten Repräsentanten ihre Macht (aus)nutzen. Geringes ökonomisches Wachstum, eine sich weitende Kluft zwischen Arm und Reich, mangelhafte staatliche Strukturen und fehlende soziale Dienste heizen die um sich greifende Unzufriedenheit an.

Wohin Lateinamerika vor diesem Hintergrund steuert, ist eine Frage, die nicht nur die Experten interessiert. Vertreter verschiedener Disziplinen sowie aus dem theoretischen und dem praktischen Bereich der Entwicklungszusammenarbeit dachten in Asunción über „Neue Entwicklungsleitbilder für Lateinamerika“ nach. Mit dem Treffen reagierten die Veranstalter auch auf aktuelle Debatten auf dem Kontinent.

Bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bestand Einigkeit in dem Wunsch, die begonnene Diskussion an der Nahtstelle von Theorie und Praxis unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen in Lateinamerika und der dortigen Diskurse fortzusetzen. Die praktische Umsetzung dieser Aufgabe hat InWEnt übernommen.

„Otra economía es posible!/Eine andere Wirtschaft ist möglich!“ – unter diesem Motto versammelten sich zum Beispiel Anfang Juni in Buenos Aires Menschen aus Argentinien und den angrenzenden Ländern, um im Rahmen eines regionalen „Sozialforums” über eine „Solidarische Ökonomie“ nachzudenken. In dem einst prosperierenden Land lebt mittlerweile jeder Zweite unterhalb der Armutsgrenze. Viele, die bis zum Staatsbankrott vor zwei Jahren gut verdienten, müssen heute schauen, wie sie überleben können. Entstanden ist so eine breite Alternativökonomie, in der kollektiv betriebene Kleinstbetriebe ebenso ihren Platz haben wie Tauschmärkte, Erwerbslosenbewegungen und Fabriken, die von ihren ArbeiterInnen übernommen wurden.


Alternative gesucht

„Das in den 1990er Jahren in Lateinamerika dominierende neoliberale Entwicklungsleitbild verliert seit Beginn dieses Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung“, sagt Ulrich Müller von der GTZ, der das Treffen von Asunción mitorganisiert hat. „Die an dem Leitbild ausgerichteten marktwirtschaftlichen Reformen haben zwar in vielen Ländern Lateinamerikas zu einer kurzfristigen Verbesserung einiger makroökonomischen Indikatoren geführt, zugleich aber die soziale Verschuldung verschärft“, ergänzt Klaus Bodemer vom Institut für Iberoamerika-Kunde. Typisch an der gegenwärtigen lateinamerikanischen Debatte finden Müller und Bodemer, dass sich die Teilnehmer weitgehend einig sind, was sie nicht wollen, es aber keinen Konsens gebe, wohin stattdessen die Reise gehen soll. Hierzu versuche der begonnene Dialog einen Beitrag zu leisten.


Wider neopopulistische und neoautoritäre Versuchungen

Angesichts dieses pessimistisch stimmenden Befundes stellt sich die Frage, in welchem Maße die überkommenen Entwicklungsparadigmen zu der heutigen Situation beigetragen haben und wie neue Leitbilder für Lateinamerika auf der Grundlage der Ziele von Nachhaltigkeit, sozialer Gerechtigkeit und Demokratie/Dezentralisierung aussehen könnten. Ansätze dazu werden Müller und Bodemer zufolge auf beiden Seiten des Atlantiks diskutiert – in der Regel allerdings in regionalen, fachlichen und praxis- beziehungsweise theoriebezogenen, getrennten Foren. Eine Debatte über die Tragfähigkeit neuer Leitbilder sei als Gegengewicht zu den auflebenden neopopulistischen und neoautoritären Strömungen erforderlich.

Das Forum in Asunción war mit lateinamerikanischen Partnern und deutschen Fachleuten und Wissenschaftlern gleichgewichtig bestückt. In den vier einleitenden Vorträgen von Dr. Klaus Bodemer (Institut für Iberoamerika-Kunde), Dr. Ricardo Martner (UN-Comisión Económica para América Latina/CEPAL), Dr. Rolando Franco (Bank für Internationale Entwicklung/BID) und Barbara Hess (GTZ) wurde klar, dass gegenwärtig noch nicht abzuschätzen ist, welchen Weg der Kontinent nehmen wird. In drei darauf folgenden intensiven, parallelen Workshops wurden dann mögliche Entwicklungsleitbilder aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.


Staat neu gefordert

Ein Diskussionspunkt in der ersten, auf die Meta- und Makroebene ausgerichteten Arbeitsgruppe „Institutionelle Innovationen ,von oben‘“ war die Frage, ob „Washington Consensus“ und „soziale Marktwirtschaft“ eher alternativ oder komplementär zu begreifen sind. Ebenfalls auf dem Prüfstein waren vergangene und alternative Entwicklungsparadigmen und wie weit sich das Augenmerk innerhalb eines normativen und globalen Erklärungsrahmens wieder vermehrt dem Staat und seinen Institutionen zuwenden müsse (vergleiche auch den Beitrag von Christian von Haldenwang in E+Z 7/2004).

Die Frage, wie auf verschiedenen Ebenen wissensbasierte und gemeinwohlorientierte Entscheidungen angestoßen und umgesetzt werden können, bildete den Querbezug zur zweiten Arbeitsgruppe: „Institutionelle Innovationen ,von unten‘“. Hier wurden vor allem integrierte Konzepte der Regional-entwicklung sowie Fragen des Empowerments häufig benachteiligter Gruppen wie Jugendliche sowie die ethische Verantwortung des Einzelnen (etwa im Zusammenhang mit Korruptionsbekämpfung) diskutiert. Endogene Potentiale, Wettbewerbsfähigkeit und öffentlich-private Partnerschaft waren weitere Stichworte.

Die dritte Arbeitsgruppe „Technologische Innovationen“ ergänzte die Diskussion in den beiden anderen Gruppen. Ausgehend von der Frage, welche konkreten Beiträge technologische Innovationen zur Entwicklung einer Gesellschaft leisten können, wurde unter anderem diskutiert, ob die ungerechte Verteilung neuer Technologien durch ein privatwirtschaftliches Defizit bedingt ist und deshalb die Rolle des öffentlichen Sektors gestärkt werden müsse. Die Forderung, Verhandlungsoptionen, die sich aufgrund der enormen Ressourcenvielfalt der Region und des gerade beginnenden Klimahandels ergeben, verstärkt zu nutzen, geht in diese Richtung.


„Empfehlungen von Asunción“

Deutlich wurde auf dem Lateinamerika-Forum, dass die pauschale Verdammung „alter“ Entwicklungsparadigmen (von der Dependenztheorie bis zum Washington Consensus) deren partielle, kontextabhängige Leistungen verkennt und eine vorschnelle, kontextunabhängige Propagierung neuer Konzepte im Gefolge des „Post-Washington Consensus“ verfrüht ist. Die Ergebnisse des zweitägigen Forums wurden in den „Empfehlungen von Asunción“ zusammengefasst.
„Wir werden die &Mac226;Erklärung von Asunción‘ zur abschließenden, virtuellen Diskussion verfügbar machen“, sagt Brigitta Villaronga Walker vom InWEnt-Büro Lima. „Dazu richten wir ein virtuelles Forum (Shared Work Space – SWS) im Global Campus 21 von InWEnt ein (www.gc21.de). Auf dieser elektronischen Dialog- und Lernplattform können größere Datenmengen bereitgehalten und als Information heruntergeladen werden.“ Villaronga Walker zufolge bietet die Plattform Raum für Diskussionen zu den erwähnten Themen im Sinne einer „virtuellen Zusammenarbeit“: „Auf diese Weise unterstützen wir langfristig die Herausbildung thematischer und regionaler Lerngemeinschaften und Wissensnetzwerke. Damit leisten wir einen Beitrag zum Aufbau der globalen Wissensgesellschaft.“ (vgl. den Beitrag zum „Global Campus 21“ in E+Z
8-9/ 2003).




Weitere Informationen
über das virtuelle Forum finden Interessierte auf der Homepage des InWEnt-Regionalbüros Lima www.inwent.org.pe. Anmelden können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter
cooperacion@inwent.org.pe.


Norbert Glaser
arbeitet als freier Journalist und ist Redakteur bei E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit und D+C Development and Cooperation.
norbert.glaser@fsd.de