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Interview mit Jürgen Wilhelm
40 Jahre DED: „Unsere Arbeit
wird politischer werden“



8-9/2003
 

Interview mit Jürgen Wilhelm

40 Jahre DED: „Unsere Arbeit
wird politischer werden“

Vor vierzig Jahren, am 24. Juni 1963, wurde der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) gegründet. Seither haben rund 13 000 „DED’ler“ in über 50 Ländern als Entwicklungshelfer gearbeitet. Was wurde erreicht? Was sind die Aufgaben für die Zukunft? Fragen an DED-Geschäftsführer Jürgen Wilhelm.

Herr Wilhelm, wie haben sich die Rahmenbedingungen für Entwicklungshelfer in den vergangenen vierzig Jahren verändert?
Insgesamt haben sie sich verbessert. Natürlich, die Situation in vielen Entwicklungsländern ist gekennzeichnet durch Krisen, Kriege und Katastrophen. Aber es gibt auch Erfolge: besser ausgebildete Partner, besser qualifizierte Organisationen und große Anstrengungen zur Demokratisierung in Ländern, in denen ich das vor zwanzig Jahren nicht für möglich gehalten hätte.

Was bedeutet das für die erforderliche Qualifikation eines Entwicklungshelfers?
Da viele unserer Partner heute selbst deutlich besser qualifiziert sind als früher, wachsen auch die Ansprüche an die Entwicklungshelfer. Es wird mehr Berufserfahrung verlangt, die Helfer sind deshalb heute deutlich älter als in den 60er und 70er Jahren. Auch die Form der Hilfe hat sich verändert: Heute geht es mehr um Beratung als um handwerkliche Unterstützung.

Ist es heute einfacher oder schwerer als früher, Entwicklungshelfer zu sein?
Insgesamt ist es etwas einfacher, weil die Bedingungen vor Ort sich verbessert haben. Wir haben in der Regel in den Partnerländern eine sehr erfahrene Mannschaft und eine Infrastruktur, unsere Büros beispielsweise …

Man muss also nicht mehr so sehr Einzelkämpfer sein wie vor 30 Jahren …
Nein, Einzelkämpfer gibt es bei uns nur noch selten. Es gibt Koordinatoren, es gibt die Betreuung durch den Landesdirektor, und es gibt den Austausch und die Zusammenarbeit mit anderen deutschen und internationalen Organisationen. Schwieriger ist der Entwicklungsdienst insofern geworden, als wir viel häufiger in Konfliktgebieten arbeiten, etwa in Ruanda, Kambodscha, Afghanistan und Palästina.

Kann die Entwicklungszusammenarbeit – nicht nur die des DED – zufrieden sein mit dem, was sie in den letzten 40 Jahren geleistet hat?
Natürlich nicht. Die Kluft zwischen den Entwicklungsländern und den Industrieländern ist größer geworden, die wirtschaftliche Abhängigkeit hat sich verändert, aber sie besteht noch. Das heißt nicht, dass der DED oder andere EZ-Organisationen nicht ordentliche Arbeit geleistet haben. Insgesamt aber wünschen wir Entwicklungspolitiker uns viel größere Veränderungen auf politischer und weltwirtschaftlicher Ebene, damit sich die Chancen für die Partnerländer verbessern, aus eigener Kraft voranzukommen. Früher hieß es: Die Entwicklungspolitik ist dafür da, sich überflüssig zu machen. Das ist immer noch richtig, aber wir sind weit entfernt davon.

Kann Entwicklungszusammenarbeit angesichts der weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen mehr sein als ein Tropfen auf den heißen Stein?
Ich glaube, sie ist mehr. Zwar kann ein günstiger Dollarkurs in einem Land unter Umständen mehr bewegen als dreißig Entwicklungshelfer in dreißig Jahren. Aber wenn es keine Lehrer gibt, wenn es keine wirtschaftspolitische Beratung gibt, dann nutzt auch der günstigste Dollarkurs nichts.
Was werden in den nächsten zehn Jahren die wichtigsten Herausforderungen und Aufgaben für den DED sein?

Wir werden politischer werden und auf kommunaler Ebene eine größere Rolle spielen beim demokratischen Aufbau von Partnerländern. Dadurch wird es möglicherweise häufiger als bisher zu Konflikten mit Regierungen kommen, wenn diese beispielsweise der Meinung sind, dass wir die aus ihrer Sicht falschen Bürgermeister oder Nichtregierungsorganisationen unterstützen. Deshalb müssen wir im Sinne von „Do No Harm“ darauf achten, dass wir nicht mehr Schaden anrichten als Gutes bewirken. Der Weg ist politisch risikoreicher, aber er ist alternativlos; wir werden ihn gehen müssen.

Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.