Beiträge aus der Rubrik
InWEnt-Forum


China auf neuem Weg

Ohne Arbeit ist alles
andere nichts



05/2006
 

[ Entwicklungspolitik ]

Ohne Arbeit ist alles andere nichts

In den Millenniumsentwicklungszielen (MDG) kommt der Begriff Arbeit nicht vor. Doch ohne zusätzliche und zukunftsfähige Arbeitsplätze stehen alle anderen Ziele auf tönernen Füßen. Nur steuer- und sozialabgabenpflichtige Erwerbsarbeit kann die Entwicklungsländer dauerhaft in die Lage versetzen, die Kosten für Bildung und Gesundheit aus eigener Kraft zu bestreiten.


[ Von Norbert Glaser ]

In vielen Teilen der Erde machen hohe Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung die Schaffung von Arbeitsplätzen zu einer stetigen Herausforderung. Wie in den Jahren davor blieben Beschäftigung und Löhne auch 2005 hinter dem Wachstum der Ökonomie und der Entwicklung der Produktivität zurück. Das geht aus dem aktuellen Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hervor. Ihm zufolge verdient die Hälfte der 2,8 Milliarden Beschäftigten weltweit nicht genug, um die Armutsgrenze von zwei Dollar Einkommen pro Tag und Familienmitglied zu überschreiten. Das sind exakt so viele wie vor zehn Jahren. 520 Millionen Beschäftigte müssen sich und ihre Familien mit weniger als einem Dollar durchbringen.

Die offiziell registrierte Arbeitslosigkeit ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Armen können es sich gar nicht leisten, nichts zu tun. Viele arbeiten Stunde um Stunde unter oftmals unzumutbaren Bedingungen, um wenigstens etwas zu verdienen. Viele neu entstehende, informelle Arbeitsplätze entsprechen aber keineswegs dem, was die ILO als „decent work“, als menschenwürdige Arbeit, bezeichnet. Wie der ILO-Bericht „A Fair Globalisation. Creating Opportunities for All“ anmerkt, gab es informelle Beschäftigungsverhältnisse schon immer. Früher bildeten sie jedoch in den meisten Ländern die Ausnahme. Die ILO verlangt deshalb, nicht nur möglichst viele neue Arbeitsplätze zu schaffen, sondern dabei auch auf deren Qualität sowie auf die der bestehenden Jobs zu achten.

In der Entwicklungspolitik spielt das Thema Beschäftigung zur Zeit allenfalls eine untergeordnete Rolle. „Arbeitsplätze werden nur entstehen, wenn sich die nationale Wirtschaftspolitik an Strategien orientiert, die die Entwicklung fördern und die Armut reduzieren“, sagt aber ILO-Experte Rolph Van der Hoeven. „Im Moment erleben wir das Gegenteil. Viele Politiker glauben geradezu exzessiv, dass das Ergebnis der Doha-Runde die Armut reduzieren wird.“

Auch Michael Hofmann vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) möchte die Schaffung von menschenwürdiger Arbeit ins Zentrum der Entwicklungspolitik rücken. „Wir müssen uns stärker als bisher um neue Arbeitsplätze kümmern“, sagte Hofmann bei einer gemeinsamen Tagung von ILO, InWEnt und der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) in Berlin. Nur so ließe sich dauerhaft die Armut reduzieren. „Viele Bemühungen für die MDGs konzentrieren sich zu sehr auf Transferleistungen.“ Wirtschaftswachstum zugunsten der Armen ist aus Hofmanns Sicht allein zu wenig: „Wir brauchen beschäftigungsorientierte Konzepte. Es ist heute viel schwieriger, dauerhafte Arbeitsplätze einzurichten.“

Ohne solche Jobs wird sich die Armut bis 2015 kaum halbieren lassen. Die ILO schätzt, dass in den nächsten Jahren mindestens eine Milliarde neuer Jobs nötig wären, um das UN-Ziel zu erreichen. Wie das geschehen könnte, ist unklar. Fertige Rezepte hat niemand. Einig sind sich die Experten lediglich darin, dass an Investitionen in die Armen – Bildung und Ausbildung – kein Weg vorbei führt.

Mit dem Ende des keynesianischen Paradigmas der Wirtschaftspolitik ging das Interesse an aktiver Beschäftigungspolitik verloren. Ein neuer Konsens muss erst noch geschmiedet werden. Van der Hoeven sieht gute Chancen, dass die internationale Gemeinschaft dafür gemeinsam Verantwortung übernimmt: „In den vergangenen Jahren hat die Debatte über eine am Menschen ausgerichtete Entwicklungspolitik stetig zugenommen.“In den globalen, weltwirtschaftlich relevanten Foren der Wirtschaftspolitik gebe es bislang aber nur einen minimalen sozialpolitischen Konsens.

Van der Hoeven plädiert dafür, den Zusammenhang von Beschäftigung und Globalisierung zu thematisieren. Arbeit, Beschäftigung und Einkommen müssten in das Zentrum der Globalisierungsdebatte rücken. „Unsere Aufmerksamkeit sollte sich weniger auf die Bekämpfung der Armut richten und mehr auf die Beschäftigungspolitik“, verlangt er. Nur so werde es nachhaltige Erfolge geben. Die Arbeitskraft sei der wichtigste Aktivposten der Armen. Sie gelte es besser zu nutzen und produktiver zu machen.


„Umwelt und Wohlfahrt“

In die gleiche Richtung argumentiert Michael von Hauff von der Technischen Universität Kaiserslautern. „Wenn wir Arbeitsplätze schaffen, reduzieren wir Armut und Hunger.“ Nach Ansicht des Wissenschaftlers ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, wenn neue Arbeitsplätzen einhergehen mit technischen Innovationen: „So schonen wir die Umwelt und erhöhen unsere Wohlfahrt.“

Laut Hauff wird die Beziehung zwischen Beschäftigung und Umweltschutz immer wichtiger. Die Förderung der regenerativen Energien habe in Deutschland 30.000 Stellen geschaffen. In den sich entwickelnden Ländern breite sich diese Erkenntnis nur langsam aus. Dabei könnten in diesen Branchen viele sinnvolle Arbeitsplätze entstehen. Hauff rät den Entwicklungsländern, nicht nur auf die Kosten des Umweltschutzes zu sehen, sondern auch auf dessen positive Ergebnisse.

„Beschäftigung ist das fehlende Glied bei der Debatte zur Bekämpfung der Armut“, bestätigt auch Doris Hertrampf vom Auswärtigen Amt. Der „UN-Report on the World Social Situation 2005“ zeige deutlich den Zusammenhang auf. Aus ihrer Sicht muss vor allem die Frage geklärt werden: „Brauchen wir in einer globalisierten Welt nicht ein globalisiertes Sozialsystem?“ Arbeitsplätze müssten auch im Mittelpunkt der Politik nationaler Regierungen stehen. „Menschenwürdige Arbeit für alle muss ein globales Ziel werden“, fordert Hertrampf. In Ländern, in denen 80 Prozent der Beschäftigten im informellen Sektor arbeiten, verändere selbst Wirtschaftswachstum deren Lage kaum. „Wir brauchen eine Sozialpolitik, die die Menschen in die Lage versetzt, ihr Leben ökonomisch besser zu meistern. Sonst bleiben sie in der Armutsfalle.“

Wachstum allein wird nach Expertenmeinung nicht ausreichen, die benötigten Arbeitsplätze zu schaffen. So entwickelt sich beispielsweise die chinesische Wirtschaft wie keine andere, dennoch bleiben viele Menschen zurück. „Wir brauchen menschenwürdige Beschäftigung für die vielen Menschen, die heute noch in der Landwirtschaft arbeiten und dort in den kommenden Jahren immer weniger werden überleben können“, sagt der Arbeitsmarktexperte der Friedrich-Ebert-Stiftung, Erfried Adam. Es komme darauf an, Arbeitsplätze an anderer Stelle bereitzustellen. Sicher scheint ihm: „Es können nicht alle in den Dienstleistungen unterkommen.“ Gegenwärtig arbeiten 40 Prozent der weltweit Beschäftigten in der Landwirtschaft.

In jüngster Zeit hat das Interesse an Beschäftigungspolitik international zugenommen. So haben die versammelten Regierungschefs auf dem UN-Gipfel im September 2005 die Welt wissen lassen: „Wir unterstützen nachdrücklich eine faire Globalisierung. Wir wollen menschenwürdige, produktive Arbeit in Vollzeit für alle zu einem zentralen Element unserer nationalen und internationalen Politik und unserer nationalen Entwicklungsstrategien machen, einschließlich der Strategien zur Bekämpfung der Armut als Teil unserer Bemühungen zur Erreichung der Millenniumsziele.“ Allerdings müssen die wirklich wichtigen internationalen Organisationen wie Internationaler Währungsfonds und Weltbank einsteigen. Sie hatten das Thema Beschäftigung in der Vergangenheit weitgehend ignoriert.

Die Jahre 1997 bis 2006 gelten offiziell als erste UN-Dekade zur Beseitigung der Armut. Bisher zeichnet sich ab, dass nur Ost- und Südasien Fortschritte vorweisen können. In allen anderen Weltregionen hat die Armut seit 1990 absolut zugenommen. Im vorliegenden Entwurf des Berichtes zur UN-Dekade drängen die Vereinten Nationen die Länder, „sich für produktive und menschenwürdige Vollzeitarbeitsplätze einzusetzen“. Es geht um ein „zentrales Anliegen der nationalen und internationalen makroökonomischen Politik“, das in Strategien zur Armutsbekämpfung eingehen müsse. Der Entwurf ermutigt die Länder, sich zeitlich fixierte Ziele zu setzen, um die Beschäftigung auszuweiten und die Arbeitslosigkeit zu reduzieren.



Norbert Glaser
ist Redakteur von E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit / D+C Development and Cooperation.
euz.editor@fsd.de



Internet:
„UN Report on the World Social Situation“ (offiziell: World Economic and Social Survey/WESS) unter
www.un.org/esa/policy/wess/

First United Nations Decade for the Eradication of Poverty
(1997–2006)
http://www.un.org/esa/socdev/poverty/poverty.htm