Beiträge aus dem
Schwerpunkt


Gelenkte Privatwirtschaft – erfolgreich in Ostasien

Ghana: Probleme bei Privatsektorförderung

Afghanistan: Zuckerproduktion statt Opiumanbau

Mit Direktinvestitionen die Armut bekämpfen

Einbindung in Wertschöpfungsketten führt zum Erfolg


05/2005
 

Als Kettenglied zum Erfolg

Auch die Unternehmen in Entwicklungsländern müssen sich der Globalisierung stellen. Der Zugang zu den Märkten in den reichen Ländern führt heute vor allem über Wertschöpfungsketten. Ein Betrieb, der als Zulieferer bestehen will, muss zuverlässig sein und Produkte von hoher und gleichbleibender Qualität liefern. Die Privatwirtschaftsförderung in der Entwicklungszusammenarbeit unterstützt die Unternehmer in den Partnerländern dabei.


[ Von Rainer Engels ]

Durch Wirtschaftswachstum allein wird Armut nicht kleiner. Die Förderung der Privatwirtschaft im Rahmen von Entwicklungszusammenarbeit soll deshalb einen Beitrag zu breitenwirksamem Wachstum leisten (Pro-Poor Growth). Sie muss dabei in einem sich ständig wandelnden Umfeld agieren: Die Internationalisierung der Waren-, Finanz- und Dienstleistungsmärkte betrifft inzwischen auch viele Branchen in den Entwicklungsländern. Dies gilt nicht mehr nur für große und mittlere, sondern auch für kleine Unternehmen.

In wichtigen Wirtschaftsbereichen führt der Weg auf die Märkte der reichen Länder nicht mehr über den direkten Export, sondern über die Integration in arbeitsteilig organisierte Wertschöpfungsketten. Im Agrarsektor und in der Textil- und Bekleidungsindustrie zum Beispiel hat die Zulieferung zu globalen Wertschöpfungsketten den klassischen anonymen Verkäufer-Käufer-Markt in seiner Bedeutung längst überholt. Unter einer Wertschöpfungskette versteht man die Gesamtheit der Produktionsschritte eines Erzeugnisses, die damit verbundenen Stoff- und Informationsströme sowie alle erforderlichen Dienstleistungen (zum Beispiel Marketing) und Entscheidungsprozesse. Heute laufen nahezu 80 Prozent des Welthandels mit Gütern im Rahmen solcher Ketten. Treibende Kraft hinter der globalen Integration von Produktion, Verarbeitung, Handel und Dienstleistungen ist die Nutzung von Kostenvorteilen (Stamm, 2004).

Für das Entwicklungsministerium ist die Einbindung in Wertschöpfungsketten im Agrarsektor die zentrale Aufgabe der Privatwirtschaftsförderung in Afrika (BMZ 2004). Dafür gibt es gute Gründe: Empirische Analysen zeigen, dass der armutsmindernde Effekt von Wachstum im landwirtschaftlichen Bereich größer ist als im Industrie- oder Dienstleistungssektor. Das liegt vor allem daran, dass Arme überwiegend im ländlichen Raum leben und in der Landwirtschaft beschäftigt sind.

Allerdings war in den 1990er Jahren in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen das Wachstum im primären Sektor erheblich geringer als im sekundären und im tertiären Sektor. In vielen Entwicklungsländern sank die Armut im ländlichen Raum deshalb weniger stark als in den Städten. Tendenziell sinkt der Beitrag des Agrarsektors zu Sozialprodukt und Wirtschaftswachstum in dem Maße, wie sich die Partnerländer von landwirtschaftlich dominierten zu städtisch und nichtlandwirtschaftlich geprägten Volkswirtschaften wandeln. Langfristige Entwicklungsstrategien sollten sich daher nicht nur auf die Agrarwirtschaft ausrichten, sondern auch diese strukturelle Transformation fördern.


Produktstandards:
Hürde und Chance zugleich

Wertschöpfungsketten erfordern ein hohes Maß an Steuerung der Stoff- und Informationsflüsse und die penible Einhaltung von Standards. Das geht so weit, dass die Herkunft von Lebensmitteln bis auf den Acker oder in den Stall zurückverfolgbar sein muss (Humphrey, 2005). Solche Erfordernisse dürfen nicht nur als Hürden gesehen werden; sie bieten auch Chancen. In Vietnam zum Beispiel unterstützt die GTZ den Fischereisektor dabei, Standards zu erfüllen, und schafft damit Möglichkeiten der Wertsteigerung. Die GTZ brachte Kleinunternehmen im Mekongdelta mit einem mittelständischen deutschen Importeur für Fischprodukte in Kontakt. Mit Unterstützung des Verbandes Naturland werden derzeit die Richtlinien für organische Catfish-Produktion und ihre Zertifizierung an die Bedingungen in Vietnam angepasst und in Pilotprojekten mit ausgewählten Unternehmen die organische Produktion eingeführt. Lokale Verarbeiter werden in den für den Export notwendigen Verarbeitungsschritten, der Einhaltung von Qualitätsanforderungen und den Vorgaben für die Verpackung trainiert. Außerdem bietet die GTZ Hilfestellung bei der Vermarktung in Deutschland, beispielsweise durch die Präsentation von Produkten auf Messen. Als nächste Schritte sind die Ausweitung der Produktion auf mehr Fischwirte und der Vertrieb der Produkte über deutsche Supermarktketten geplant.

Ausgangspunkt für den Wertschöpfungskettenansatz in der Entwicklungszusammenarbeit ist die Nutzung von Wettbewerbsvorteilen bei arbeitsintensiven Produkten und bei Nischenprodukten, bei denen sich der Skaleneffekt nicht auswirkt. Damit Unternehmen in Partnerländern sich weiterentwickeln können, müssen Institutionen der Ausbildung, Anwendungsforschung, Normierung, Messung und der Qualitätskontrolle gestärkt werden. Auch die Rahmenbedingungen für Produktion und Investitionen spielen eine wichtige Rolle.

So erfordert beispielsweise eine funktionierende Wertschöpfungskette im Pharmasektor einen dem technologischen Stand des Landes angemessenen Schutz geistigen Eigentums: Er darf nicht zu locker sein, um einheimische Unternehmen nicht von Forschung abzuschrecken. Er darf aber auch nicht zu weit gehen, um die Verfügbarkeit wichtiger Medikamente zu bezahlbaren Preisen nicht einzuschränken. Es muss zudem funktionierende Mechanismen für Zulassung und Qualitätsprüfung geben und der Handel mit pharmazeutischen Vor- und Endprodukten sollte liberalisiert sein. Anforderungen wie diese führen dazu, dass Projekte im Bereich Wertschöpfungsketten zunehmend in Förderprogramme integriert sind, die Komponenten wie Regierungsberatung oder Aufbau von Wirtschaftsverbänden enthalten.

Das Prinzip der Förderung besteht darin, aussichtsreiche Branchen und Unternehmen über die Schwelle der Wirtschaftlichkeit zu führen. Unrentable Zweige der lokalen Ökonomie sind ebenso ausgeschlossen wie solche Branchen, die bereits ausreichend privates Kapital anziehen. Das Ziel ist, die beteiligten Unternehmer zu befähigen, sich besser auf die wirtschaftliche Dynamik der Märkte einzustellen. Die Herstellung von Ananaskonserven in Ghana zum Beispiel ist seit jeher stark auf den europäischen Markt ausgerichtet. Jetzt soll die Produktion von Dosen-Ananas auf qualitativ hochwertige Frischware umgestellt werden, was eine deutliche Wertsteigerung bedeutete – in diesem Fall brächte also weniger Verarbeitung höhere Einnahmen. Allerdings sind bei Frischware die Qualitätsanforderungen wesentlich höher; alle beteiligten Kleinbauern müssen entsprechend geschult werden. Die GTZ unterstützt das Vorhaben durch die Einführung von angepassten Zertifizierungssystemen und hilft den Kleinbauern dabei, sich zu Produktions- und Vermarktungsgruppen mit angemessenen Verfahren zum Qualitätsmanagement zusammenzuschließen.


Übungsfeld lokaler Markt

Besonders kleine Betriebe haben Schwierigkeiten, Anschluss an globale Märkte zu bekommen. Sie müssen sich zusammenschließen, um geforderte Mengen liefern und Qualitätsstandards einhalten zu können. Eine bewährte Strategie vor allem im nichtlandwirtschaftlichen Bereich ist es, nicht nur für ausländische Abnehmer, sondern gleichzeitig für den lokalen Markt zu produzieren, um Erfahrungen mit höherwertigen, zum Beispiel im Design verbesserten Produkten zu sammeln. Dies kann die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt erhöhen.

Ein Wertschöpfungsketten-Projekt der GTZ in Brasilien hat hierzu interessante Ergebnisse erbracht. So waren viele brasilianische Schuhhersteller stark auf den europäischen Markt orientiert – mit geringem Erfolg. Die Informationsreise einer Unternehmergruppe zu Schuhmessen in Deutschland und Italien gab den Ausschlag, sich verstärkt auf den heimischen Markt und andere Länder in Lateinamerika und Afrika zu konzentrieren – eine Strategie, mit der die Unternehmer ihre Einnahmen unterm Strich erhöhen konnten. Ein Zulieferbetrieb, der gleichzeitig mit einer eigenen Marke auftreten will, ist freilich gut beraten, nur mittelgroße internationale Unternehmen zu beliefern – die großen bekannten Markeninhaber lassen ein derartiges Streben nach oben in der Wertschöpfungskette oft nicht zu.

Wie sich die Einbindung in Wertschöpfungsketten auf Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen auswirkt, lässt sich gut im Textil-, Bekleidungs- und Schuhsektor beobachten (Schmitz 2005). In diesen Bereichen haben Zulieferbetriebe zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen, vor allem für Frauen. Die Arbeitsbedingungen sind wegen der Aufmerksamkeit der Verbraucher meistens deutlich besser als in Betrieben, die nur für den heimischen Markt produzieren. In den Textil- und Bekleidungsindustrien in Bangladesch zum Beispiel wurden im Zuge der Einbindung in globale Wertschöpfungsketten 1,6 Millionen Arbeitsplätze geschaffen. In Bangladesch sind sogar die Gehälter deutlich höher als in vergleichbaren Nicht-Export-Branchen. Selbst in den oft kritisierten Sonderwirtschaftszonen mit ihren zum Teil schlechteren Arbeitsbedingungen zahlen die Betriebe bis zu 70 Prozent mehr als Firmen außerhalb dieser Zonen (Nadvi, 2004, Kabeer und Mahmoud, 2004, sowie Nadvi und Thoburn, 2004).

Die armutsmindernde Wirkung einer Strategie zur Förderung von Wertschöpfungsketten muss kontinuierlich überprüft werden. Denn es gibt auch Risiken: So besteht zum Beispiel die Gefahr, dass die Integration in die Weltwirtschaft zu Arbeitsplatzverlusten führt. Das kann zum Beispiel dann passieren, wenn Produkte aus Entwicklungsländern über die Industrieländer in andere Entwicklungsländer exportiert werden und dort einheimische Produktion verdrängen – eine Gefahr, die mit der enormen Konzentration im globalen Groß- und Einzelhandel zunehmend an Bedeutung gewinnt.




Dr. Rainer Engels
ist Projektmitarbeiter der GTZ im Sektorvorhaben Handelspolitik, Handels- und Investitionsförderung. Der Beitrag gibt seine persönlichen Ansichten wieder.
Rainer.Engels@gtz.de



Literatur
Albert, H., R. Engels, S. Triemer, 2003:
Wertschöpfungsketten in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Eschborn: GTZ. Im Internet: http://www.gtz.de/de/dokumente/de-wertschoepfungsketten-ez.pdf

BMZ, 2004: Profilbildung Wirtschaftsförderung in Subsahara Afrika. Bonn: BMZ

Humphrey, J., 2005: Shaping Value Chains for Development. Global Value Chains
in Agribusiness. Eschborn: GTZ (in Vorbereitung)

Kabeer, N. und Mahmud, S., 2004: Globalisation, gender and poverty: Bangladeshi women workers in export and local markets, in: Journal of International Development, Vol. 16, No. 1

Nadvi, K., 2004: Globalisation and Poverty: how can global value chain research inform the policy debate?, in: IDS Bulletin, Vol. 35, No. 1

Schmitz, H., 2005: Using the Global Value Chain Approach for the Promotion of Economic Development. The Case of Light Industries.

Eschborn: GTZ (in Vorbereitung) Stamm, A., 2004: Value chains for development policy: challenges for trade policy and the promotion of economic development. Concept study. Eschborn: GTZ. Im Internet:
http://www.gtz.de/de/dokumente/en-value-chains-policy.pdf