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Beiträge aus der Rubrik Tribüne
Weltbank braucht innovative Theorien
Präziser bewertete Risiken
 04/2004
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[ Volkswirtschaftslehre ]
Weltbank braucht innovative Theorien
Die ökonomischen Annahmen, mit denen die Weltbank arbeitet, blenden viele entwicklungsrelevante Themen aus. Dazu gehören beispielsweise Bevölkerungsentwicklung und Verteilungsfragen. Endogene Wachstumsmodelle sind besser geeignet, vielschichtige Wechselwirkungen zu analysieren, als das Standardwerkzeug von Neoklassik und Post-Keynesianismus.
[ Von Nina V. Michaelis ]
Die Weltbank bekennt sich zum Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung. Ihre eigene Politik hält sich indessen nicht konsequent daran. Strukturanpassungsprogramme und Poverty Reduction Strategies konterkarieren nach wie vor soziale und ökologische Ziele (Michaelis, 2003). Ein Grund für die mangelhafte Umsetzung dieses Leitbildes ist die veraltete theoretische Fundierung der Programme mit neoklassischem und post-keynesianischem Gedankengut.
Beide sind mit dem Leitbild unvereinbar. Die neoklassische Theorie gründet ihr Nachhaltigkeitsverständnis darauf, dass technologischer Fortschritt automatisch zu einer effizienteren Ressourcenverwendung und geringerer ökologischer Belastung führt (Substitutionsoptimismus). Wie es zu technologischem Fortschritt kommt, wird jedoch nicht im Modell erklärt. Außerdem sieht sich die Neoklassik außer Stande, Aussagen über die Wohlfahrtsverteilung zu treffen (Hampicke, 1999), und greift deshalb für die Armutsproblematik der Entwicklungsländer zu kurz.
Post-keynesianische Modelle sind mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit aus mehreren Gründen ebenfalls nicht kompatibel. Zunächst einmal handelt es sich um eine Analyse für die kurze Frist. Typischerweise werden lediglich zwei Perioden betrachtet, was nicht nur zur Modellierung eines Wachstumsprozesses, sondern besonders eines nachhaltigen Entwicklungspfades unangemessen ist (Easterly, 1999). Zudem berücksichtigen auch diese Modelle nur aggregierte Größen, blenden also ihrerseits Verteilungsfragen aus.
Weltbankökonomen arbeiten indessen immer noch mit länderspezifischen Varianten des post-keynesianischen Revised Minimum Standard Modells, obwohl es der Komplexität von Entwicklungsprozessen nicht gerecht wird und wissenschaftlich überholt ist. Die Vorzüge des Modells liegen darin, dass es leicht zu verstehen und anzuwenden ist. Außerdem ist nur wenig Information über das Verhalten der Wirtschaftssubjekte erforderlich. Anhand solcher Kalkulationen ermittelt die Weltbank die Höhe ihrer Kredite. Über den reinen Transfer von Finanzvolumina hinaus hält sie Maßnahmen zur Förderung des Wachstums im Sinne des Washington Konsensus (Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung) für nötig (Easterly, 1999).
Die Struktur- und Stabilisierungsmaßnahmen, die von den Weltbankökonomen noch immer implementiert und höchstens durch Abfederungselemente ergänzt werden (Michaelis, 2003), basieren also auf Theoriegebäuden, die mit dem Nachhaltigkeitsleitbild nicht zu vereinbaren sind. Da Wirtschaftswachstum eine Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung ist, bietet sich stattdessen die Orientierung an neueren Ansätzen der endogenen Wachstumstheorie an. Diese sind sehr vielfältig, so dass man nicht von einer einheitlichen Theorie sprechen kann. Alle Modelle verbindet jedoch der Versuch, Wachstum ohne Rückgriff auf exogene Faktoren zu erklären. Die Grundmodelle der endogenen Wachstumstheorie wurden zwar für Industrieländer entwickelt, können jedoch an entwicklungslandtypische Situationen angepasst werden. Einen Eindruck der vielschichtigen Wechselwirkungen vermittelt die Abbildung.
Vielschichtige Wechselwirkungen
Diese komplexen Zusammenhänge verdeutlichen klare Mängel der Weltbank-Konzepte. So fordern IWF und Weltbank zum Beispiel die sofortige Öffnung der Volkswirtschaften für den Welthandel. Endogene Wachstumsmodelle legen dagegen differenziertere Aussagen zum Nutzen des Freihandels für Entwicklungsländer nahe (Redding, 1999). Handelsliberalisierung bietet nämlich nur dann die Chance, die langfristige Wachstumsrate in Entwicklungsländern zu erhöhen, wenn sie nach Ländern und Sektoren differenziert betrieben wird. Sonst besteht die Gefahr der Spezialisierung allein auf Niedrigtechnologiegüter, weswegen wiederum langfristige Innovationseffekte fehlen.

Damit Entwicklungsländer Liberalisierungsvorteile nutzen können, sind komplementäre Maßnahmen notwendig. Bildung, der Ausbau der Kommunikations- und Verkehrsinfrastruktur und spezielle Mechanismen der Wissensdiffusion von Industrie- in Entwicklungsländer, wie Learning by Doing, Imitation bestehender Technologien und ausländische Direktinvestitionen, sind wichtige Determinanten für wirtschaftliche Entwicklung. Besonders bedeutsam ist der Bildungsstand eines Entwicklungslandes: Verfügt eine Volkswirtschaft über zu wenig Humankapital, bringt eine Öffnung der Märkte meist nur geringe oder sogar negative Wachstumseffekte. Empirische Studien unterstützen diese Aussagen.
Bevölkerungswachstum stellt in Entwicklungsländern ein gravierendes Entwicklungshemmnis dar. Es wird in vielen armen Regionen die bereits überlasteten Bildungs- und Gesundheitssysteme zusätzlich unter Druck setzen. Die traditionelle Wachstumstheorie vernachlässigt aber die Bedeutung von Fertilität. Endogene Wachstumsmodelle können Familienplanung berücksichtigen und eine Verbindung zu sozialen Sicherungssystemen sowie umweltrelevanten Gesichtspunkten herstellen (Michaelis, 2003). Daraus folgen entwicklungspolitische Einsichten. Beispielsweise reichen kurzfristige soziale Abfederungsmaßnahmen, wie sie häufig zur Bekämpfung der negativen Folgen der programmgebundenen Kreditvergabe von der Weltbank und ihren Partnern implementiert wurden, für einen positiven Entwicklungsprozess nicht aus. Langfristige Maßnahmen der sozialen Sicherung (wie etwa die Einführung einer Rentenversicherung) tragen dagegen zu einer Verringerung der Fertilität bei.
Wachstumsbremse Armut
In Entwicklungsländern sind Einkommen meistens sehr ungleich verteilt. Bisher hat die Weltbank das nicht als wichtiges Entwicklungshemmnis betrachtet. Allerdings steht zu hoffen, dass sich dies nach der Ernennung von François Bourguignon zum Chefökonom der Weltbank im vergangenen Herbst ändern wird. Bourguignon beschäftigt sich seit Jahren mit dem Zusammenhang zwischen Armut, ungleicher Einkommensverteilung und wirtschaftlichem Wachstum.
Jedenfalls ist die verbreitete These, im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung nehme Ungleichheit von alleine erst zu und dann ab (Kuznet-Kurve), empirisch widerlegt. Endogene Wachstumsmodelle untermauern das auch theoretisch (Aghion et al., 1999). Aus ungleichen Einkommensverteilungen folgen nämlich zu niedrige Investitionen in Ausbildung mit wachstumshemmenden Konsequenzen.
Auch aus ökologischer Sicht sind endogene Modelle leistungsfähig. Entsprechend den Ergebnissen der neoklassischen Umwelt- und Ressourcenökonomie müssen beispielsweise die externen Effekte des Schadstoffausstoßes und des Ressourcenabbaus internalisiert werden, um langfristiges wirtschaftliches Wachstum zu gewährleisten. Marktkonforme Instrumente, wie beispielsweise Steuern oder Zertifikate, sind dabei besser geeignet als strenge technische Richtlinien. In den Country Assistance Strategies, in denen die kurz- bis mittelfristige Entwicklungsstrategie der Weltbank für ein Land festgelegt wird, wurden selbst diese Erkenntnisse noch nicht hinreichend berücksichtigt.
Die endogene Wachstumstheorie trägt dazu bei, die komplexen Wirkungszusammenhänge nachhaltiger Entwicklung differenzierter zu analysieren. Auch wenn die meisten Empfehlungen in der entwicklungspolitischen Praxis seit langem bekannt sind, gelingt es durch die formaltheoretische Analyse der endogenen Wachstumsmodelle die Beliebigkeit der Aussagen zu vermeiden. Wie sich daraus ein anwenderfreundliches ökonometrisches Gesamtmodell entwickeln lässt, muss die zukünftige Forschung noch zeigen. Aufbauend auf einer fundierten Analyse von Entwicklungsdeterminanten wird es zumindest möglich, eine länderspezifische, nachhaltigkeitskonforme Entwicklungsstrategie zu entwerfen. Diese sollte sich in den Maßnahmenkatalogen programmgebundener Kredite widerspiegeln.
Um eine konsistente Umsetzung des propagierten Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung zu gewährleisten, müssen die theoretischen Fundamente der Weltbankpolitik erneuert werden. Die Modelle der endogenen Wachstumstheorie stellen hierfür einen Ansatzpunkt dar.
Literatur
Aghion, P.; Caroli, E.; García-Peñalosa, C. (1999):
Inequality and Economic Growth:
The Perspective of New Growth Theories, in:
Journal of Economic Literature 37, S. 1615-1660;
Easterly, W. (1999): The Ghost of Financing Gap Testing the Growth Model Used in the International Financial Institutions, in: Journal of Development Economics 60 (2), S. 424f.
Hampicke, U. (1999): Das Problem der Verteilung in der
Neoklassischen und in der Ökologischen Ökonomie, in:
Beckenbach, F. (Hrsg.): Jahrbuch Ökologische Ökonomie
Zwei Sichtweisen auf das Umweltproblem:
Neoklassische Umweltökonomie versus Ökologische Ökonomik, Marburg, S. 158
Michaelis, N. V. (2003): Nachhaltige Entwicklung und
programmgebundene Kreditvergabe der Weltbank
Eine theoretische und konzeptionelle Analyse,
Dissertation Universität Kaiserslautern, Volkswirtschaftliche Schriften der Universität Kaiserslautern Bd. 26, Regensburg.
Redding, S. (1999): Dynamic Comparative Advantage
and the Welfare Effects of Trade, in:
Oxford Economic Papers 51, S. 1539
Dr. Nina V. Michaelis
arbeitet als Volkswirtin beim WBGU (Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) in Berlin. Ihre Dissertation aus dem vergangenen Jahr behandelte die Kreditvergabe der Weltbank. nmichaelis@wbgu.de
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