| |
Beiträge aus der Rubrik Bücher und Medien
Afrika:
Leiden eines Reporters
Wohlfahrt im Islam:
Einsichten und Ansätz
US-Außenpolitik:
An den Problemen vorbei
Konsum gefährdet unseren Planeten
 04/2004
|
|
Afrika: Leiden eines Reporters
Bartholomäus Grill ist ein wortgewaltiger Reporter und scharfsinniger Beobachter der Entwicklungen in Subsahara-Afrika. Davon konnten sich die Leserinnen und Leser der ZEIT in den vergangenen zehn Jahren überzeugen. Für sie berichtete der Journalist von den Krisenherden zwischen Südafrika und Liberia, Angola und Somalia.
Jetzt hat Grill ein Buch vorgelegt, in dem er die Recherchen aus diesen zehn Jahren auswertet. Herausgekommen ist mehr als eine Sammlung alter Manuskripte. Der Band erzählt vom Leiden eines Reporters, dem die Widersprüche Afrikas schwer zu schaffen machen. Ach, Afrika. Das ist aber nur ein Eindruck nach der Lektüre des Buches.
Ein zweiter Eindruck ist, dass Grill diese Geschichte hinter dem Einmaleins der sozialwissenschaftlichen Afrikanistik versteckt. Der Autor referiert politische, soziologische und ökonomische Einsichten, die er mit den Beobachtungen eines Reporters illustriert. Da ist die Rede von weißen Kolonialherren, denen man für vieles, aber nicht für alles Elend von heute die Schuld geben könne. Es ist die Rede von schwarzen Despoten, die ihre Länder zu Grunde richten, deren Taten aber auch vom Ausland geduldet werden. Es ist die Rede vom Klima, von den Weltmarktpreisen und vielem mehr, was so an Gründen für die schleppende Entwicklung Afrikas genannt wird. Immer mit dem Hinweis: Vorsicht, es gibt keine monokausalen Erklärungen. Wer Grills Bilanz nach zehn Jahren auf dem schwarzen Kontinent liest, erhält einen guten Überblick über den Stand der Dinge: ein guter Einstieg für Afrika-Anfänger.
Seine volle Kraft entfaltet das Buch jedoch jenseits des sozialwissenschaftlichen Einmaleins: immer dann, wenn Grill Mut zeigt und von Erfahrungen berichtet, die wohl viele Europäer in den Ländern Afrikas südlich der Sahara machen, die aber selten so ehrlich erzählt werden: Geschichten über den ganz persönlichen Frust im Umgang mit Schwarzen und Weißen, Geschichten über Erfolg und Niederlagen, über Liebe und Enttäuschungen. Grill schreibt dies, ohne in Stereotype abzugleiten und ohne jeden überheblichen oder rassistischen Unterton. Er beobachtet genau und findet Worte in einer Präzision, wie es sonst nur guten Schriftstellern gelingt.
Besonders eindringlich bleibt eine Episode aus dem Bürgerkrieg Ruanda haften. Grill berichtet vom großen Flüchtlingstreck der Hutu in den Kongo, der damals noch Zaire hieß: Innerhalb weniger Tage schleppen sich Tausende von Menschen auf der Straße in Richtung Westen. Am Rand liegen Verletzte, Hungernde, Tote. Grills Blick fällt auf eine Frau, die wohl nicht mehr lange zu leben hat. Ihr kleines Kind krallt sich an ihr fest. Wimmernd und hilflos. Grill geht weiter. Seine Geschichte recherchieren. Der Rückweg am Nachmittag. Die Frau bewegt sich nicht mehr. Ihr Baby atmet noch. Es braucht Hilfe. Grill geht wieder vorbei. Nach Hause. Zurück bleibt das Kind, das er hätte retten können. In seinem Buch schreibt Grill: Das Bild des Jungen, der hinter der Biegung verschwindet, lässt mich nicht mehr los.
Bartholomäus Grill hat mit Ach, Afrika ein aufrichtiges Buch vorgelegt: Pflichtlektüre für alle, die sich auf den Kontinent einlassen wollen.
Werner Eggert
Bartholomäus Grill:
Ach, Afrika. Berichte aus dem
Inneren eines Kontinents.
Berlin, Siedler 2003, 384 S., 24,00 Euro,
ISBN 3-88680-754-1
|