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Frühwarnsysteme: Technik allein nutzt wenig

III. Frühwarnkonferenz: Vom Konzept zum Handel


03/2006
 

„Vom Konzept zum Handeln“

„Vom Konzept zum Handeln“ lautet das Thema der EWC III. InWEnt-Mitarbeiterin Christina Kamlage sprach im Vorfeld der Konferenz mit der Geowissenschaftlerin Katharina Thywissen vom Institute for Environment and Human Security der United Nations University in Bonn über Frühwarnsysteme in armen Ländern.


Der Tsunami hat die Bedeutung von Frühwarnsystemen auch für andere Naturkatastrophen weltweit ins Bewusstsein gerückt. Gibt es bereits gelungene Beispiele aus Entwicklungsländern?
Ja, durchaus. Mauritius und Bangladesh haben zum Beispiel sehr gute Frühwarnsysteme für tropische Wirbelstürme. Am Horn von Afrika und in Westafrika haben die betroffenen Länder überregionale Dürre-Frühwarnsysteme eingerichtet. Mexico City hat ein Frühwarnsystem für Erdbeben. Diese, sowie die meisten anderen Frühwarnsysteme sind aber immer noch verbesserungswürdig. Ein besonders interessantes Beispiel hat übrigens Kuba zu bieten. Die Karibikinsel verfügt über ein erfolgreiches Frühwarnsystem für Hurrikane und damit verbundene Erdrutsche und Überschwemmungen.

Warum ausgerechnet Kuba?
Zum Teil hat das sicher mit den weitreichenden Befugnissen einer zentralisierten Verwaltung zu tun. Und zum anderen sind sie dort einfach institutionell sehr gut organisiert. Kuba wird auch auf der Konferenz in Bonn vertreten sein.

Geht es auf der Konferenz vor allem um den Austausch von Best Practice Modellen?
Nein. Die Konferenz hat ein außergewöhnliches Format. Sie verbindet die Strukturpolitik mit der Forschung und sie ist sehr anwendungsbezogen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellen Ergebnisse der aktuellen, multi-disziplinären Forschung vor, aber auch konkrete Umsetzungen, die bekannte Lücken im Frühwarnbereich schließen. Best Practices dienen lediglich dazu, erfolgreiche Ansätze in der Frühwarnung zu illustrieren. Im Rahmen der Konferenz werden aus allen Regionen der Erde und für die meisten Naturgefahren Projekte vorgestellt. Alle in einem Auswahlverfahren als wertvoll eingestuften Projekte werden auf einer Art Projekt-Marktplatz den Experten und investitionswilligen Partnern vorgestellt.

Wo hapert es bei der Frühwarnkette am meisten?
Wir haben bei den vergangenen Katastrophen gesehen, dass die Informationslage oft sehr gut ist. Aber was passiert mit den Daten? Probleme tauchen oft auf, wenn Institutionen die Informationen über Ländergrenzen hinweg austauschen. Häufig werden Warnmeldungen nicht so verständlich weitergegeben, wie wir uns das wünschen. Auch die Reaktion der betroffenen Menschen vor Ort ist nicht immer angemessen. Deshalb legt die Konferenz einen Schwerpunkt auf menschenzentrierte Frühwarnsysteme. Der Mensch, der die Warnung erhalten hat und reagieren muss, steht dort im Mittelpunkt.

Das Ansteigen eines Flusspegels lässt sich mit automatischen Systemen, aber auch mit einfachen Stöcken messen, die Menschen in diesem Gefahrenbereich ins Ufer rammen ...
Wir fordern nicht generell Hightech. Auch traditionelles Wissen bietet Lösungsmöglichkeiten – noch dazu kulturell und regionalspezifisch angepasste. Wir dürfen die beiden Möglichkeiten nicht gegeneinander ausspielen. Der Hightech-Ansatz bietet gerade in Form von Erdbeobachtungen aus großer Höhe exakte Daten mit einem zeitlichen Vorsprung. Doch auf der anderen Seite gibt es auch eine Reihe von sehr einfachen Maßnahmen, die in einem guten Frühwarnsystem Platz haben müssen.

Und wenn die vielen Frühwarnsysteme zu häufig Alarm schlagen?
Die Gefahr besteht. Es hat schon Beispiele von Fehlwarnungen gegeben, zum Beispiel auf der Vulkaninsel Montserrat in der Karibik. Wir riskieren dabei, dass die Bevölkerung abstumpft.

UN-Generalsekretär Kofi Annan hat vor einem Jahr in Kobe den Aufbau eines globalen Frühwarnsystems für Naturkatastrophen innerhalb von zehn Jahren gefordert. Ist das möglich?
Prinzipiell schon. Wir sollten uns das aber nicht als ein einziges, weltweites Frühwarnsystem vorstellen. Welchen Nutzen hat es, in Ländern ohne Küste vor Tsunamis zu warnen? Global bedeutet, dass jedes Land für die Naturgefahren, die dort vorkommen können, institutionell vorbereitet ist. Jedes Land soll das Frühwarnsystem haben, das es braucht. Wo es sinnvoll ist, sollten wir auch multinationale Systeme aufbauen.

Die Fragen stellte Christina Kamlage (InWEnt).



Dr. Katharina Thywissen
arbeitet als Geowissenschaftlerin am Institute for Environment and Human Security der United Nations University in Bonn.
thywissen@ehs.unu.edu