Beiträge aus der Rubrik
InWEnt-Forum


Kolumbien: Frieden kann man lernen

Frühwarnsysteme: Technik allein nutzt wenig

III. Frühwarnkonferenz: Vom Konzept zum Handel


03/2006
 

[ Konfliktbearbeitung ]

Frieden kann man lernen

[ Von Norbert Ahrens und Rita Walraf ]

Seit mehr als 50 Jahren herrscht in Kolumbien Bürgerkrieg. Die Menschenrechtssituation ist verheerend. InWEnt vermittelt Grundlagen für den Aufbau einer gewaltfreien Gesellschaft.


Buenaventura gelangt selten in hiesige Schlagzeilen. Im April vergangenen Jahres war es einmal anders. Da berichteten auch deutsche Medien über die Ermordung von 13 jungen Leuten. Sie waren in der kolumbianischen Hafenstadt erschossen aufgefunden worden. Unter den schwer misshandelten Leichen befanden sich etliche Verwandte von Adolfo Valencia, einem ehemaligen Spieler von Bayern München. Dann verschwand die 300 000 Einwohner zählende Stadt, wichtigster Pazifikhafen des vom Bürgerkrieg geplagten Landes, wieder aus den Schlagzeilen. Zuvor wurden bereits Dutzende von Zivilisten Opfer ähnlicher Verbrechen. Beobachter vermuteten dahinter den Kampf zwischen rechten Paramilitärs und linken Guerillas um die Kontrolle der Stadt. Über den Hafen wird ein großer Teil der in Kolumbien produzierten Drogen außer Landes gebracht.

Das „Monopol der physischen Gewaltanwendung”, wie es Max Weber zur Definition des Staates herangezogen hat, ist in Kolumbien seit Jahrzehnten außer Kraft. Seit mehr als 50 Jahren zerrüttet ein Bürgerkrieg das lateinamerikanische Land. Gewalt ist vielerorts an der Tagesordnung. Paramilitärs, Guerilla, Armee und Polizei, Drogenmafia und gewöhnliche Kriminelle verursachen eine Spirale der Gewalt. Im Durchschnitt der vergangenen fünfzehn Jahre forderte sie jeweils zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend Menschenleben.

Die Menschenrechtssituation ist verheerend. Für männliche Kolumbianer zwischen 15 und 45 Jahren ist Mord die mit Abstand häufigste Todesursache. Nur etwa vier Prozent der Tötungsdelikte kommen vor Gericht. Nicht einmal jeder fünfte Fall endet mit einer rechtskräftigen Verurteilung. Straflosigkeit ist selbst bei schwersten Verbrechen die Regel, eine Verurteilung mit anschließender Haft die seltene Ausnahme.

Die Gewaltjahrzehnte haben die Menschen geprägt. Auch unter jenen, die nicht direkt von den bewaffneten Konflikten betroffen sind, nimmt die Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt zu. Selbst bei kleineren Konflikten – etwa innerhalb der Familie – wird Gewalt zunehmend selbstverständlich. Amanda Bravo, Soziologin und Psychologin aus Bogotá, berichtet von Kindern, die zwischen den Buchdeckeln scharfe Messer in die Schule schmuggeln. Nach Aussage von Catalina Amador aus Santa Marta endet der Streit zwischen Jugendlichen oft mit der Drohung: „Te voy a matar!“ („Ich bringe Dich um!“). Candelaria Sepúlveda aus Cartagena kennt auch die Version: „Te mandamos una moto!“ („Wir schicken Dir ein Motorrad vorbei!“). Killer schießen in Kolumbien oft vom Motorrad aus.

Die Zitate stammen aus einem Seminar zur Friedenserziehung. InWEnt hat es in Buenaventura abgehalten. Während dieser vier Tage starben auch die dreizehn Jugendlichen. Lokale Medien sprechen in solchen Fällen von „unbekannten“ oder auch „vermummten“ Tätern. Víctor Riascos macht sich seine eigenen Gedanken. Der Menschenrechtsbeauftragte des Erzbischofs von Buenaventura ist es gewohnt, dass ihn Freunde mit der lakonischen Feststellung begrüßen: „Du lebst ja immer noch!”


Allgegenwärtige Angst

Riascos, der selbst in einem großen Elendsviertel von Buenaventura wohnt, ist überzeugt, dass hinter den meisten Morden die Paramilitärs stehen. Zeugen gibt es so gut wie nie. Erzbischof Héctor Epalza erklärt diese Tatsache so: „Die Menschen hier haben unglaubliche Angst, selbst das nächste Opfer zu sein. Deshalb gibt es keine Zeugen.“ Sie schwörten lieber, nichts gesehen oder gehört zu haben, als auch nur den leisesten Verdacht gegen einen Täter zu äußern. Das führe zur beinahe absoluten Straflosigkeit bei Schwerstdelikten „Wir haben es mit einem undurchdringlichen Netz aus Angst, Schweigen und Straflosigkeit zu tun. Der Humus von alledem ist die extreme Armut vieler Kolumbianer“, sagt der Geistliche.

Das neue Gesetz „Gerechtigkeit und Frieden“, für das Staatspräsident Álvaro Uribe bei seinen Besuchen in Spanien (vergeblich) und in den USA (mit mehr Erfolg) geworben hat, zielt vor allem auf die Paramilitärs. Sie sollen nach ihrer Entwaffnung wieder in das zivile Leben eingegliedert werden. So begrüßenswert das Niederlegen der Waffen auch sein mag, so bedenklich ist jedoch die straffreie Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Nach den Erkenntnissen fast aller Menschenrechtsorganisationen und Experten sind die Paramilitärs für die wahllose Ermordung Jugendlicher und schlimmste Massaker verantwortlich.

Jung, männlich und arm zu sein, ist in bestimmten Gegenden Kolumbiens fast schon ein Todesurteil. Die Paramilitärs wittern in dieser Gruppe potenzielle Anhänger der Guerilla. In Buenaventura kommt hinzu, dass mehr als 90 Prozent der Bevölkerung schwarzafrikanischer Abstammung sind. Víctor Riascos, selbst Afrokolumbianer, spricht von der „Ethnisierung von Armut und Verfolgung“.


Pädagogische Mittel

María Miyela teilt Riascos Sicht. Sie arbeitet als Sozialpädagogin mit afrokolumbianischen Kindern. Die Gewalt hat die Familien vom Lande vertrieben. Sie leben jetzt im Elendsgürtel am Rande der Stadt. Hier fühlen sie sich etwas sicherer. Miyela hat mit Gleichgesinnten „Escuelas Rurales“ (ländliche Schulen) gegründet. In ihnen lernen Kinder nicht nur lesen, schreiben und rechnen, sondern erfahren auch etwas über ihre grundlegenden Rechte als Menschen und Staatsbürger. Das geschieht nicht in Form des traditionellen Frontalunterrichts, sondern auf vielfältige, teilweise spielerische Art.

„Für meine Arbeit sind die Seminare von InWEnt sehr, sehr wichtig gewesen“, sagt Miyela. „Ich konnte mich in relativ kurzer Zeit weiterbilden und gehe jetzt mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein an meine Arbeit.“ Sie kenne jetzt mehr Argumente und wisse, wo sie sich über neue Fragestellungen informieren könne. Doch das Seminar war für sie auch in anderer Hinsicht wichtig: „Auch wenn es komisch klingen mag: Ich habe erst in diesen Kursen gelernt, mich selbst als schwarze Frau zu akzeptieren. Ich weiß jetzt, dass ich etwas zu sagen habe, etwas beitragen kann zum Aufbau einer friedlicheren Gesellschaft.“

Ohne jedes Pathos ergänzt Mieyela, sie sei überzeugt, dass gerade „für unsere verlassene, weit abseits gelegene Gemeinschaft Erziehung und Ausbildung das Tor zur Befreiung sind.“ Sie ist ein lebendiger Beweis dafür, dass in der kolumbianischen Zivilgesellschaft noch Kräfte stecken, die sich der Gewalt entgegenstemmen können. Sie zu wecken und zu stärken ist eine Aufgabe der von InWEnt angebotenen Seminare. In dreistufigen Kursen zur Friedenserziehung erlernen Multiplikatoren aus dem Bildungsbereich, gewalttätigen Tendenzen zu begegnen. InWEnt bietet solche Kurse speziell in Ländern an, die langjährige interne Konflikte oder Bürgerkriege hinter sich haben (El Salvador, Nicaragua, Guatemala, Honduras) oder noch darin gefangen sind (Kolumbien und einzelne Landesteile Mexikos). Die Friedenspädagogik sensibilisiert Kinder, Jugendliche und Erwachsene für die verschiedenen Formen von Gewalt und stärkt die kommunikativen und sozialen Fähigkeiten, Konflikte gewaltfrei zu lösen.


Minderheiten besonders betroffen

Krieg und Gewalt hinterlassen tiefe Spuren in der Gesellschaft. In Kolumbien leiden besonders ethnische Minderheiten, Frauen und Kinder unter den bewaffneten Konflikten. Vier Prozent der Kolumbianer haben afrikanische Wurzeln. Sie leben vor allem an der Pazifik- und Karibikküste. Häufig geraten afroamerikanische und indigene Gemeinschaften zwischen die Fronten. Experten beziffern die Zahl der internen Vertriebenen auf etwa drei Millionen, 70 Prozent davon Frauen und Kinder. Kinder, die in diesem Milieu aufwachsen, reproduzieren beinahe automatisch die erlebte Gewalt. Hier setzt InWEnt an.

Denn obwohl Staat wie Zivilgesellschaft in allen sechs Ländern eigene Behörden, Bildungsprogramme und Initiativen zur Schaffung einer Friedenskultur ins Leben gerufen haben, fehlt es an praktischer Erfahrung und Methodenkenntnissen, um moderne Konzepte wie Mediation praktisch umzusetzen – etwa in den Schulen, aber auch in Nichtregierungsorganisationen, die in der Jugend- und Erwachsenenbildung tätig sind. Die Seminare zeigen Lehrern beispielsweise, wie sie Rollenspiele in der Klasse nutzen können, um eine fruchtbare Diskussion über Waffen in der Schule zu starten. Besonders gefragt sind Workshops zum „Forumtheater“ – eine Art Rollenspiel, bei dem die Zuschauer mit ihrer Konfliktlösung eingreifen können.

Es kann sogar in einer kleinen Dorfgemeinschaft ohne großen Aufwand eingesetzt werden. InWEnt bietet dabei Unterstützung und die Möglichkeit zum regionalen Austausch zwischen den Organisationen an, berät zu Themen wie Menschenrechtserziehung, Gender, Interkulturaliät und Erinnerungsarbeit. Und das auch virtuell: durch eine gemeinsame Arbeitsgruppe im Global Campus 21, dem Alumni Portal von InWEnt.



Norbert Ahrens
arbeitet als freier Journalist für Radio und Printmedien.
nor_ahr@yahoo.de

Rita Walraf
ist Projektleiterin in der Abteilung Bildung von InWEnt.
rita.walraf@inwent.org