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Tribüne


Entwicklungstheorie: Wer ist Wer?

Entwicklungspolitik soll zur Eigeninitiative ermutigen


02/2003
 

Interview mit Michael Bohnet

Entwicklungspolitik soll zur Eigeninitiative ermutigen

Über dreißig Jahre lang hat Professor Michael Bohnet die deutsche Entwicklungspolitik mitgestaltet, mehr als zwanzig Jahre davon als Angehöriger des BMZ, wo er zuletzt Abteilungsleiter und stellvertretender Staatssekretär war. Zum Jahresende 2002 ist Bohnet in den Ruhestand gegangen. Kurz vor seinem Ausscheiden wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Im Gespräch mit Kurt Gerhardt zieht Bohnet Bilanz und gibt Hinweise darauf, wie Entwicklungspolitik wirksamer werden könnte.


Herr Professor Bohnet, mit welchem Gefühl verlassen Sie die Bühne, auf der Sie so lange entwicklungspolitisch agiert haben? Ist es nicht bedrückend, wenn Sie sehen, dass nach vierzig Jahren Entwicklungshilfe für Afrika dort die Pro-Kopf-Einkommen sinken und die Auslandsinvestitionen sowie die Teilnahme am Weltmarkt zurückgegangen sind?

Da ich mich mein ganzes Leben mit Entwicklungsländern auseinandergesetzt habe, scheide ich aus dem Amt mit einem Gefühl der Befriedigung, etwas Sinnvolles für die Menschen getan zu haben, und das gilt auch trotz aller Rückschläge für Afrika. Denn Afrika ist kein homogener Block, wir haben auch Länder, bei denen wir Zeichen der Hoffnung und Erfolge sehen, etwa Benin, Botswana,Ghana, Mali, Uganda und Mosambik.


Gibt es Determinanten für erfolgreiche Entwicklung?

Kriterien für den Erfolg sind sinnvolle makroökonomische und makropolitische Rahmenbedingungen, ein ausreichendes Grundschulwesen und hinreichende Basisgesundheit. Und es muss gelingen, Rechtsstaatlichkeit und eine unabhängige Justiz einzuführen. Ökonomisch geht es darum, sich zu öffnen für den Welthandel und eine vernünftige Wirtschaftspolitik zu gestalten. Als drittes Erfolgskriterium würde ich für viele Länder noch die Durchführung von Agrarreformen hinzusetzen.


Welchen Anteil hat Entwicklungszusammenarbeit an erfolgreicher Entwicklung?

Die Entwicklungszusammenarbeit hat einen wesentlichen positiven Anteil, wenn sie eingebettet ist in die Rahmenbedingungen, die ich genannt habe. Dagegen scheitert Entwicklungszusammenarbeit in Ländern, wo die staatliche Ordnung zusammengebrochen ist. Unser Beitrag besteht darin, dass wir unsere Partner ermutigen, Eigenanstrengungen zu intensivieren. Wir können natürlich auch dadurch helfen, dass wir zum Beispiel bei der AIDS-Prävention tätig sind oder in einer Hungersnot Nahrungsmittelhilfe liefern.


Das ist aber Nothilfe, die ja nur die Voraussetzung dafür ist, dass überhaupt Entwicklungszusammenarbeit einsetzen kann.

Das ist richtig. In der klassischen Entwicklungszusammenarbeit helfen wir, vernünftige Strukturen aufzubauen. Nehmen wir ein Beispiel: In Kenia bauen wir mit der neuen Regierung eine Behörde auf, die die Korruption bekämpft. Das heißt, wir helfen dabei, Institutionen zu schaffen, die Grundlagen für ein demokratisches System liefern. Das ist wichtiger, als kleine Projekte zu finanzieren, wie wir das häufig in der Vergangenheit getan haben.


Ist Entwicklung nicht grundsätzlich eine Sache unserer Partner in der Dritten Welt, bei der wir sie lediglich begleiten?

Das ist völlig richtig, wir können keine Entwicklung gestalten, sondern wir reagieren, wenn unsere Partner bei uns um Hilfe etwa beim Aufbau einer unabhängigen Justizbehörde oder um wirtschaftspolitische Beratung nachfragen. Dann können wir unseren Rat anbieten. Es wäre jedoch völlig falsch, diesen Rat überzustülpen. Wir sagen unseren Partnern: Formuliert eure Prioritäten, und wir sind bereit, euch zu helfen, wenn sie mit unseren Prioritäten übereinstimmen.


Herr Bohnet, Sie haben viele Staatenlenker der Dritten Welt kennengelernt. In wieviel Prozent dieser Köpfe ist verwurzelt, dass es auf sie selbst ankommt, dass wir die Arbeit nicht für sie tun können?

Der Anteil steigt. Ich würde sagen, dass in Asien dieses Bewusstsein heute schon vorherrscht. In Afrika weniger, obwohl durch die Initiative „Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung“ sich auch in den Köpfen der afrikanischen Staats- und Regierungschefs einiges ändert. In Lateinamerika ist das Bild sehr unterschiedlich, da lassen sich die Dinge nicht generalisieren. Aber die Tendenz geht insgesamt dahin, dass die Politiker wissen, dass sie und die Führungselite ihres Landes das Schicksal in ihre eigenen Hände nehmen müssen.


In der Entwicklungszusammenarbeit sagt man den Partnern immer deutlicher: Ihr müsst es selber machen, und wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann werden wir Bedingungen stellen. Müsste man manchen Staaten gegenüber in dieser Weise noch weiter gehen, oder setzt die staatliche Souveränität der Partner eine Grenze, die wir beachten müssen?

Unsere Entwicklungspolitik ist politischer geworden, und wir haben auch Eigeninteressen zu vertreten, denn wir sind verantwortlich für die sinnvolle Verwendung der deutschen Steuergelder. Insofern gibt es Grenzen der Kooperation: Es gibt keine öffentliche Entwicklungszusammenarbeit, wenn elementare Grundrahmenbedingungen nicht stimmen.


In der öffentlichen Diskussion entsteht manchmal der Eindruck: Je mehr Geld, desto mehr Entwicklung. Was halten Sie davon?

Das ist eine Kausalität, die ich so nicht sehe. Es hängt natürlich vom Grad der Armut ab, wie stark ein Land auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen ist. Das entscheidende Kriterium aber sind neben dem Geld die Rahmenbedingungen in einem Land. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Wir überweisen nicht einfach Geld, sondern wir nehmen das Geld des deutschen Steuerzahlers, um vernünftige Projekte und Programme zu finanzieren und um Inseln im Meer der Armut zu schaffen.


Gibt es nicht ein groteskes Missverhältnis zwischen einerseits den bescheidenen Lebensverhältnissen in der Dritten Welt und andererseits dem riesigen internationalen entwicklungspolitischen Apparat, der diese Lebensverhältnisse beeinflussen will?

Das ist insofern kein Missverhältnis, als man die Entwicklungspolitik vergleichen muss mit anderen Politikbereichen, mit Verteidigungspolitik, mit klassischer Außenpolitik, mit Sozial –und Gesundheitspolitik. Und da würde ich sagen, die Entwicklungspolitik und ihre Institutionen sind nicht überdimensioniert. Das gilt für Deutschland, aber auch international. Insofern will ich ganz bewusst eine Lanze auch für die UN-Organisationen brechen. Denn nur die UN-Organisationen schaffen ein Forum für einen internationalen Dialog, der friedenssichernd ist, und deshalb müssen die UN-Organisationen auch weiter gestärkt werden. Wir brauchen einen UN-Sicherheitsrat für Wirtschaftsfragen und nicht nur für rein politische Fragen.


Organisatorisch stimmt also die deutsche Entwicklungszusammenarbeit, oder gibt es zu viele Institutionen?

Manchmal reisen wir mit einem großen Sinfonieorchester in die Länder. Wir spielen mit Triangel, Pauke, Klarinette, erster und zweiter Geige, Kontrabass, Querflöte und Trompete, weil wir mit sehr vielen Organisationen in einem Land tätig sind. Und unsere Partner sagen manchmal: Ihr spielt ja sehr schön, aber ein kleineres Orchester täte es auch.


Welche organisatorischen Reformen wären sinnvoll?

Die Finanzielle Zusammenarbeit und die Technische Zusammenarbeit weiter zu vernetzen, so wie wir gerade die Carl Duisberg Gesellschaft und die DSE zu einer neuen Organisation mit dem Namen InWEnt zusammengelegt haben.


Das heißt, GTZ und KfW zusammenzuführen?

Auf jeden Fall sollte man die Grundsatzabteilungen und die Evaluierungsabteilungen dieser Organisationen zusammenführen, um die gemeinsame strategische Ausrichtung ,die in den letzten Jahren gewachsen ist, weiter zu festigen.


Müsste man auch bei den Außenstrukturen, bei unseren Vertretungen in der Dritten Welt, etwas ändern?

Wir müssen unsere Außenstruktur dadurch stärken, dass wir – wie jetzt in Afghanistan geschehen – „Büros für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit“ einrichten, in denen unter einem Dach KfW, GTZ,DEG, der Deutsche Entwicklungsdienst und InWEnt beherbergt sind, auch wenn diese Organisationen zurzeit noch unabhängig voneinander arbeiten. Insofern sind wir auf dem richtigen Weg, denn wir haben zurzeit in rund zwanzig Kooperationsländern gemeinsame Büros von GTZ und KfW. Wir müssten auch die Anzahl der so genannten Referenten und Referentinnen für wirtschaftliche Zusammenarbeit erhöhen, die aus dem BMZ kommen und an den Botschaften arbeiten. Derzeit sind es nur rund 25.


Sollte die deutsche Entwicklungspolitik stärker auf Bilateralismus oder Multilateralismus setzen?

Diese Fragestellung halte ich für falsch. Denn in Regierungsverhandlungen – nehmen Sie Indonesien, wo ich das letzte Mal die Verhandlungen geführt habe – sprechen wir heute sowohl über unsere bilaterale Entwicklungszusammenarbeit als auch auch über die Beträge, die Deutschland über die EU, die Asiatische Entwicklungsbank, die Vereinten Nationen und die Weltbank leistet. Nicht die Relation zwischen bi- und multilateraler Hilfe ist entscheidend, sondern dass die Gesamtsumme sinnvoll eingesetzt wird.


Können Sie abschließend ein paar Ereignisse oder Eindrücke nennen, die Ihr entwicklungspolitisches Bewusstsein besonders geprägt haben?

Einige existentielle Erfahrungen habe ich schon 1944 und 1945 als Kind gemacht, als ich erlebt habe, was Hunger ist. Eine zweite sehr positive Grunderfahrung habe ich während meiner Studentenzeit gemacht, als ich mit afrikanischen Studenten aus Burundi sehr intensiv zusammengearbeitet habe. Ein weiteres Grunderlebnis hatte ich bei den Vereinten Nationen , als ich 1984 als deutscher Delegierter im Verwaltungsrat des UN-Entwicklungsprogramms in New York war und wir mit den Ostblockländern um das Länderprogramm Afghanistan gerungen haben. Damals war Afghanistan unter sowjetischen Einfluss und wir haben uns darum bemüht, dennoch den Afghanen in dieser Situation sinnvoll zu helfen. Das waren emotionale Grunderfahrungen, die mich von der Notwendigkeit einer Stärkung der Vereinten Nationen überzeugt haben. Eine vierte Grunderfahrung war für mich, im letzten Jahr als BMZ-Sonderbeauftragter für den Wiederaufbau Afghanistans zu sehen, welchen Hunger nach Bildung, nach Grundbildung die Menschen dort haben – ein Hunger, der fast noch größer ist als der Hunger nach Brot.


Wenn Sie in die Zukunft schauen und noch Dinge in Angriff nehmen könnten, was wäre das?

Ich würde den kulturellen Dialog stärker als dritte Säule der Entwicklungspolitik verankern, weil dies es uns ermöglichen würde, von den Menschen unserer Partnerländer mehr zu lernen, denn der kulturelle Dialog ist genauso entscheidend wie der politische und der wirtschaftliche. Und weil wir aufgreifen könnten, was wir nach dem 11. September so bitter nötig haben: den interreligiösen und interkulturellen Dialog. Zweitens läge mir am Herzen, eine stärkere Verknüpfung zu schaffen zwischen unseren eigenen historischen Erfahrungen – zum Beispiel mit der Industrialisierung in Europa – und den Prozessen, die wir gegenwärtig in Lateinamerika, Asien und Afrika erleben. Wenn man zum Beispiel an den Staudammbau im Schwarzwald im Ende des 19. Jahrhunderts denkt, da gab es genau so große ökologische, soziale und ökonomische Konflikte wie heute beim Staudammbau in Brasilien. Und das mal zu vergleichen, das wäre eine reizvolle Aufgabe.

Kurt Gerhardt ist Korrespondent im Studio Bonn des WDR.



Michael Bohnet studierte Volkswirtschaft an der FU Berlin, wo er 1966 promovierte. Nach Stationen bei einer Ingenieurberatungsfirma in Düsseldorf und am ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München, wo er von 1974 bis 1978 die Abteilung Entwicklungsländer leitete, wechselte Bohnet 1979 zum BMZ. Dort leitete er verschiedene Referate und von 1991 bis 1998 die Unterabteilung „Sektorale und übersektorale Bereiche“. Die letzten fünf Jahre bis zu seinem Ruhestand war Bohnet zuerst Leiter der Abteilung „Multilaterale Zusammenarbeit“, dann Leiter der Abteilung „Bilaterale Zusammenarbeit“. Bohnet habilitierte sich 1990 in Volkswirtschaft und ist Professor an der Universität Duisburg .