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02/2003
 

Internetangebot für Schüler

ch@t der Welten zum Thema Erdölförderung im Amazonasgebiet

Von Hinrich Mercker

Schüler aus Nordrhein-Westfalen machen sich schlau über Probleme der Erdölförderung in Lateinamerika – per Internet. Das Pilotprojekt „ch@t der Welten“ soll rund eintausendSchüler aus NRW in Kontakt mit Akteuren eines InWEnt-Projekts am Amazonas bringen. Sie sollen mit Vertretern der Organisation der indigenen Völker des Amazonas (COICA) sowie Mitarbeitern von Ministerien und Projekten chatten.

Das Modellvorhaben Ch@t der Welten schlägt die Brücke zwischen entwicklungsbezogener Inlandsarbeit und der Projektarbeit im Ausland. Es basiert auf einer internetgestützte Lern- und Kommunikationsplattform für den Einsatz im Unterricht der Klassen neun bis zwölf, also für Schüler und Schülerinnen von etwa 15 bis 19 Jahren. Das Pilotprojekt startet im Februar 2003 für sechs Monate an 20 Schulen in Nordrhein-Westfalen. Am Thema „Erdöl im Regenwald“ werden globale Umweltprobleme und deren soziale und kulturelle Auswirkungen aufgezeigt. Kooperationspartner bei diesem Projekt sind bei InWEnt die Abteilungen Umweltpolitik und Umweltmanagement in Berlin sowie das Regionale Zentrum Nordrhein-Westfalen, das Klima-Bündnis e.V. und das Landesinstitut für Schule NRW.

Das Thema Erdölförderung wurde gewählt, weil es in vielen lateinamerikanischen Ländern hochbrisant ist. Deviseneinnahmen aus Erdölverkäufen, die staatliche Investitionen ermöglichen, stehen im Widerspruch zu Umweltzerstörung und irreversiblen Eingriffen in die Lebensräume indigener Gemeinschaften. Die Schüler werden sich diese Problematik am Beispiel eines InWEnt-Projekts im Amazonas-Regenwald erarbeiten. Seit mehr als zwei Jahren findet ein umfassender Dialog zwischen den Energieministerien der beteiligten Länder Peru, Bolivien, Venezuela, Kolumbien und Ecuador, den Erdölkonzernen und der Organisation der indianischen Völker des Amazonas (COICA) statt. InWEnt fördert diesen Ansatz durch nationale und regionale Trainings- und Dialogprogramme. Gemeinsam mit dem Klima-Bündnis europäischer Städte, den indigenen Völkern der Regenwälder und der Harvard University werden darüber hinaus in Fortbildungsprogrammen mit der COICA die Themen Monitoring und Begleitung der Erdölexploration behandelt und Modelle für die Beteiligung der indigenen Bevölkerung erarbeitet. COICA betont das Interesse am Dialog, der allerdings bestehende Interessengegensätze nicht verschleiern dürfe und die Dialogfähigkeit der Beteiligten voraussetze.

Durch Sachinformationen, die Darstellung des Dialogs und erweiterte Recherchemöglichkeiten im Internet sollen die Schüler sich ein eigenes Bild von der Situation machen können und Lösungsansätze suchen. Wirklich interessant wird es für die Schüler durch den Chat, der es ihnen ermöglichen wird, mit den Akteuren in Lateinamerika über das Internet zu kommunizieren. Sie werden also mit den Vertretern der indigenen Bevölkerung ebenso „reden“ können wie mit denen der Erdölindustrie und der Ministerien. Auch Mitarbeiter der Harvard-Universität, von Nichtregierungsorganisationen und der Weltbank werden im Netz sein und für Chats zur Verfügung stehen. Um die besonderen didaktischen und organisatorischen Herausforderungen zu bewältigen, sind verschiedene Diskussionsforen mit besonderen Themenschwerpunkten geplant. Die Lehrer übernehmen die Moderation und werden dazu in einem speziellen Training im Landesinstitut für Schule (LfS) vorbereitet, das das Projekt auch evaluiert. Unterstützt werden sie von Teletutoren, die speziell für den Bereich „Umwelt und Entwicklung“ ausgebildet wurden.

Mit Ch@t der Welten wird Neuland betreten. Bei diesem Pilotprojekt zur Verknüpfung von Inlands- und Auslandsarbeit ist ein effektives Netzwerk entstanden: Die Berliner Abteilung Umweltpolitik und Umweltmanagement von InWEnt steuert die Erfahrungen und Kontakte mit dem Amazonasprojekt bei, das Regionale InWEnt-Zentrum in Düsseldorf bringt seine langjährigen Erfahrungen mit entwicklungspolitischer Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit ein und koordiniert das Projekt in NRW. Die beteiligten Lehrer werden vom Landesinstitut für Schule des Landes NRW fortgebildet, das auch die curriculare Einbettung des Themas übernimmt. Das Netzwerk wird durch das Klima-Bündnis beraten, das auch eigene Materialien und Kontakte beisteuert. Gefördert wird Ch@t der Welten von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und der Nordrhein-Westfälischen Stiftung für Umwelt und Entwicklung.


Fazit

Als Erkenntnis aus dem fast zweijährigen Vorbereitungsprozess lässt sich folgendes festhalten:

  1. Entwicklungspolitisches Lernen muss verstärkt in Schulen ansetzen und über traditionelle Projektwochen hinausgehen. Interdisziplinäre Ansätze, die an der Erfahrungs- und Handlungswelt der Schüler anknüpfen, können durch die Nutzung des Internet in ihrer Wirkung verstärkt werden.
  2. Die Einbeziehung einer internetgestützten Lern- und Kommunikationsplattform ist aufwendig und sollte durch intensives Lehrertraining und den Einsatz von Teletutoren flankiert werden.
  3. Je stärker sich Entwicklungszusammenarbeit zur Internationalen Zusammenarbeit wandelt, desto überholter wirkt die Trennung zwischen Inlands- und Auslandsarbeit. Ohne praktischen Bezug zu den Projekten vor Ort bleibt Bildungsarbeit abstrakt, und ohne einen Bezug zur Bildungsarbeit in den Geberländern herzustellen, bleiben alle Projekte Inseln der Wohltätigkeit mit begrenzter Wirkung.
Hinrich Mercker leitet die Abteilung Umweltpolitik und Umweltmanagement des Bereiches Umwelt, natürliche Ressourcen und Ernährung von InWEnt in Berlin.