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Tribüne


Tödliches Tabu

„Europas Schmerzgrenze deutlich machen“

Unverantwortliche Megaprojekte

Schöngerechnet


01/2007
 

[ Armutsbekämpfung ]

Tödliches Tabu

Die sanitäre Grundversorgung ist genauso wichtig wie der Zugang zu sicherem Trinkwasser. In der öffentlichen Diskussion werden „schmutzige“ Fragen jedoch häufig gemieden. Die UN haben 2008 zu Recht zum „Jahr der sanitären Grundversorgung“ ausgerufen. Grundsätzlich sollte die Hälfte aller Investitionen in den Wassersektor in die Entsorgung fließen. Zudem ist es sinnvoll, Fäkalien als Rohstoffe zu verwerten.


[ Von Uschi Eid ]

2,6 Milliarden Menschen besitzen keinen Zugang zu sanitärer Grundversorgung. Das sind mehr als doppelt so viele wie die 1,1 Milliarden, die ohne sauberes Trinkwasser auskommen müssen. Es geht um eine Katastrophe, die sich fernab der Medienöffentlichkeit abspielt. Mangels adäquater sanitärer Einrichtungen und Entsorgung bleibt Abwasser vielfach in der unmittelbaren Wohnumgebung. Nicht zuletzt deshalb sterben derzeit mehr Menschen an wasserbedingten Krankheiten als in Kriegen. Das ist eine menschliche Tragödie – und ein enormes Entwicklungshindernis in vielen Ländern der Dritten Welt. Rund 5000 Kinder sterben täglich an den Folgen schmutzigen Wassers.

Die internationale Staatengemeinschaft hat sich mit der Verabschiedung der Millenniumsziele vorgenommen, sowohl die Zahl der Menschen ohne Basissanitärversorgung als auch die derjenigen ohne sicheres Trinkwasser bis 2015 zu halbieren. Doch was die Abwasserthematik angeht, ist abzusehen, dass diese Selbstverpflichtung nicht eingelöst wird, wenn die Bemühungen dazu nicht erheblich intensiviert werden.

Die Arbeitsausfälle und Gesundheitsausgaben, die südlich der Sahara wegen unhygienischer Wohn- und Lebensbedingungen infolge unzureichender Wasser- und Sanitärversorgung auftreten, kosten Afrika laut UNDP jährlich fünf Prozent der Wirtschaftskraft. Das entspricht rund 28 Milliarden Dollar und ist mehr als der Kontinent 2003 an Entwicklungshilfe und Schuldenerlassen erhielt. Südlich der Sahara haben nur 36 Prozent der Menschen Zugang zur sanitären Grundversorgung. Das ist die niedrigste Rate weltweit, im globalen Mittel sind 69 Prozent versorgt.

Investitionen sind angesichts solcher Zahlen nicht nur für die menschliche Entwicklung unabdingbar, sondern auch ökonomisch rentabel. Jeder im Wasser- und Abwassersektor investierte Dollar bringt laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation – je nach Technik und örtlichen Gegebenheiten – wirtschaftliche Vorteile zwischen drei und 34 Dollar. Es handelt sich zugleich um die beste Präventivmedizin, denn 80 Prozent der Krankheiten in Entwicklungsländern werden durch schlechtes Trinkwasser und ungeklärte Abwässer verursacht.

Die weltweite Sanitärkrise hat eine enorme Tragweite. Als „schmutziges“ Pendant des „sauberen“ Versorgungsthemas genießt sie jedoch wenig Aufmerksamkeit. Wer auf ihre Relevanz aufmerksam macht, wird schnell bespöttelt, „mit Klos die Welt retten“ zu wollen. Dabei sind Ver- und Entsorgung untrennbar miteinander verbunden. Ohne zuverlässige Abwasserbeseitigung gibt es keine zuverlässige Trinkwasserversorgung. Wie Kevin Watkins, der Hauptautor des im November vom UNDP veröffentlichten Human Development Reports erläutert, ist „kein Zugang zu sanitärer Grundversorgung“ lediglich eine vornehme Formulierung dafür, dass viele Menschen ihr Wasser für den täglichen Bedarf aus Quellen beziehen, die mit Fäkalien von Menschen und Tieren verunreinigt sind.


Der Hashimoto-Aktionsplan

Um das Millenniumsziel in Sachen Abwasser zu erreichen, sind weder weitere Weltkonferenzen noch neue Lösungsansätze notwendig. Zahlreiche internationale Übereinkünfte zeigen, dass längst Konsens darüber besteht, was zu tun ist. Dem Vorschlag des UNDP einen neuen internationalen Aktionsplan unter Beteiligung der G8-Staaten aufzulegen, ist entgegenzuhalten, dass es so etwas längst gibt, nämlich den „Hashimoto-Aktionsplan: Unsere Aktivitäten – Ihre Aktivitäten“. Benannt wurde er nach Ryutaro Hashimoto, dem im Sommer verstorbenen ehemaligen japanischen Premier. Er war bis zu seinem Tod Vorsitzender von UNSGAB (United Nations Secretary General’s Advisory Board on Water and Sanitation), dem persönlichen Beratungsgremium von UN-Generalsekretär Kofi Annan für Wasser und sanitäre Grundversorgung. UNSGAB erarbeitete den Aktionsplan, der nach seiner Präsentation im vergangenen März auf dem 4. Weltwasserforum in Mexiko auch in dessen Ministererklärung eingeflossen ist.

Der „Hashimoto-Aktionsplan“ widmet einen seiner Schwerpunktbereiche der sanitären Grundversorgung, die drei Aspekte umfasst: Hygieneförderung, häusliche Sanitäreinrichtungen und Abwasserbehandlung. Er vermeidet den reflexhaften Ruf nach mehr Entwicklungshilfe, sondern empfiehlt zur Lösung der weltweiten Sanitärkrise vor allem, jene Tabus zu brechen, die der aktiven politischen Problembehandlung im Weg stehen. Dass „Unreines“ nicht öffentlich diskutiert wird, ist nämlich irrational, lebensgefährlich und kostspielig. Denn Schweigen führt zu Inaktivität. Ähnlich wie bis vor kurzem noch HIV/ Aids ist sanitäre Grundversorgung etwas, über das Politiker sich nur ungern öffentlich äußern. Für Wahlkampffotos ist die Einweihung eines Brunnens allemal attraktiver als die Eröffnung einer Latrine.

Wertvolle Beiträge, damit sich das Bewusstsein wandelt, leistet beispielsweise die Kampagne WASH (Wasser, Sanitärversorgung, Hygiene). Sie klärt unter anderem über den gesundheitlichen Nutzen des Händewaschens nach dem Toilettengang auf. Um für mehr öffentliche und politische Aufmerksamkeit zu sorgen, hat die UN Generalversammlung auf eine UNSGAB-Initiative hin kürzlich 2008 zum „Internationalen Jahr der sanitären Grundversorgung“ ausgerufen.

Nationale Regierungen müssen die Führungsrolle bei der Bewältigung der Sanitärkrise übernehmen. Die politisch Verantwortlichen sind gefordert, Wasser- und Abwasserstrategien zu entwickeln und ihnen auf der innenpolitischen Agenda eine hohe Priorität einzuräumen. Bislang investieren Entwicklungsländer im Schnitt nur klägliche 0,5 Prozent ihrer Staatshaushalte in die Verbesserung der Wasserver- und -entsorgung. Die Ausgaben sollten entsprechend der UNDP-Empfehlung auf ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesteigert werden. Manche Experten empfehlen, 50 Prozent der in den gesamten Wassersektor investierten Mittel für die Entsorgung zu verwenden. Im weltweiten Schnitt waren es in der Vergangenheit erst 20 Prozent.

Zudem müssen nationale Regierungen die grassierende Korruption im Wasser- und Abwassersektor bekämpfen. Schätzungen zufolge werden sonst in den nächsten zehn Jahren 20 Milliarden Dollar in dunkle Kanäle verschwinden. Nötig sind überdies Wege, um jenseits staatlicher Zuwendungen einheimisches Kapital zu mobilisieren und somit eine tragfähige Finanzierung zu erreichen. Dafür sollten Einnahmen aus sozial gestaffelten Tarifsystemen verwendet werden. So ließe sich nicht nur die Entsorgung verbessern. Investitionen würden auch schneller möglich, weil örtlichen Wasserversorgungsunternehmen zuverlässige Umsätze die Kreditaufnahme am Kapitalmarkt erleichtern würde.


Ökologische Kriterien

Als ein wichtiges konkretes Konzept empfiehlt der Hashimoto-Aktionsplan den Ansatz der „ecological sanitation“ (Ecosan). Er bietet ökonomisch und ökologisch viel versprechende Alternativen zu konventionellen Entsorgungsmethoden. Wertvolles Wasser sollte nicht für Fäkalientransporte missbraucht werden. Das kostbare Nass wird immer knapper – und meist fehlen Klärsysteme komplett oder reichen zumindest nicht aus, über die Fäkalien eingeschleppte Krankheitskeime aus dem Abwasser herauszufiltern. Zudem sollte der enorme Wasserbedarf der Landwirtschaft zumindest teilweise aus geklärtem Abwasser gedeckt werden, anstatt knappe Süßwasservorkommen zu beanspruchen.

Das Ecosan-Konzept bietet innovative Möglichkeiten. Es orientiert sich am naturnahen Prinzip der Kreislaufwirtschaft und verwertet Fäkalien als Dünger oder als Rohstoff in der Energieerzeugung. Die Annahme, Sanitärversorgungssysteme seien für arme Länder unerschwinglich, ist schlicht falsch. Kleine, finanzierbare Anlagen machen es möglich, Fäkalien ökonomisch ohne Gesundheitsrisiken zu nutzen. In der konventionellen Schwemmkanalisation hingegen spülen wir ein ökonomisches Potential die Toilette hinunter, das sich weltweit auf rund 15 Milliarden Dollar beziffern lässt.

Die Fäkalienseparation erlaubt es zudem, zentrale, kosten- und energieaufwendige Kläranlagen einzusparen, und sie vermeidet gesundheitliche Probleme, unter denen vor allem Slumbewohner zu leiden haben, wenn mit Fäkalien verunreinigte Kloaken Brutstätte für Krankheitserreger werden. Angesichts schrumpfender globaler Süßwasservorkommen ist ein sparsamer Umgang mit Wasser ökologisch wichtig. Die Wiederverwertung geklärter Abwässer in der Landwirtschaft ist obendrein ökonomisch interessant. Auch deshalb ist bedauerlich, dass der Human Development Report dieser technologisch angepassten Variante der Abwasserentsorgung im Gegensatz zum Hashimoto-Aktionsplan keine besondere Aufmerksamkeit widmet.

Die weltweite Sanitärkrise hat menschlich wie ökonomisch bereits heute ein so schwerwiegendes Ausmaß angenommen, dass wir uns ein „weiter so“ nicht leisten können. Für alle Verantwortlichen ist es höchste Zeit zu handeln und der Hashimoto-Plan bietet dafür eine solide Grundlage.




Uschi Eid
ist kommissarische Vorsitzende („acting chair“) von UNSGAB, (United Nations Secretary-General’s Advisory Board on Water and Sanitation), Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen und ehemalige Parlamentarische Staatsekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
uschi.eid@bundestag.de



Links:
Hashimoto-Aktionsplan: http://www.unsgab.org
Human Development Report: http://www.undp.org