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Genitalverstümmelung: Tiefe Schnitte in Körper und Seele
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 01/2007
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[ Genitalverstümmelung ]
Tiefe Schnitte in Körper und Seele
140 Millionen Frauen und Mädchen sind weltweit von Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) betroffen. Weitere drei Millionen Mädchen kommen nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich hinzu. Dieser Eingriff, der für die Frauen irreversibel ist und schwere körperliche und seelische Folgen haben kann, wird vor allem in 28 afrikanischen Ländern sowie in einigen arabischen und asiatischen Staaten praktiziert.
Erstmals haben jetzt höchste islamische Würdenträger auf einer internationalen Konferenz in der Kairoer Al-Azhar-Universität klargestellt, dass die Verstümmelung von Frauen nicht im Koran begründet und als strafbare Aggression gegen das Menschenrecht zu werten ist. Alle Muslime werden aufgefordert, diesen jahrtausendealten Brauch einzustellen, bei dem die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane teilweise oder ganz entfernt werden. In etwa zehn bis 15 Prozent der Fälle wird die Vagina zudem bis auf eine kleine Öffnung zugenäht.
Wie sich diese Empfehlung der wichtigsten islamischen Rechtsgelehrten in Ägypten auf die tatsächliche Praxis auswirken wird, ist noch offen. Für Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul ist die Fatwa von unschätzbarem Wert. Colette Dehlot, Leiterin der WHO-Abteilung Familie und Reproduktive Gesundheit, begrüßt zwar die Resolution, bleibt aber skeptisch. Es gebe bereits viele Konventionen und Gesetze, die Genitalverstümmelungen unter Strafe stellen. Das reicht alles nicht, wir müssen die Widerstände vor Ort brechen, sagt sie.
Und Fadumo Korn, Autorin und Vorstandsmitglied der Frankfurter Hilfsorganisation Forward, meint nur lakonisch: Sehr schön. Aber Genitalverstümmelung kommt auch in christlichen Ländern vor. Und so spielte die Kairoer Erklärung nur eine Nebenrolle auf der Berliner Konferenz, die Mitte Dezember von der GTZ, dem Bundesentwicklungsministerium und dem Netzwerk gegen weibliche Genitalverstümmelung Integra veranstaltet wurde.
Besorgt sind die Aktivisten gegen Genitalverstümmelung hingegen über den Trend, dass in einigen Ländern zunehmend Ärzte die Eingriffe vornehmen. So werden heute in Ägypten 75 Prozent der Betroffenen in Krankenhäusern beschnitten, wo der Eingriff unter Narkose und unter hygienischen Bedingungen stattfindet. An der Menschenrechtsverletzung der Verstümmelung von Frauen ändert das allerdings nichts.
Die Weltgesundheitsorganisation lehnt eine Medikalisierung der Beschneidung daher seit Jahren strikt ab. Erst jüngst veröffentlichte sie in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet die Ergebnisse einer Studie, an der 28 000 Frauen aus sechs afrikanischen Ländern teilnahmen. Danach tragen Schwangere mit Genitalverstümmelung ein höheres Risiko, ihr Kind vor oder nach der Geburt zu verlieren. Beschnittene Frauen haben darüber hinaus öfter Probleme bei der Geburt selbst. Blutungen, Infektionen, Abzess- und Zystenbildung, Unfruchtbarkeit, Fistelbildung, Inkontinenz und ein erhöhtes HIV/Aids-Risiko sind weitere Komplikationen, die sich nach einer Beschneidung einstellen können. Häufig werden diese gesundheitlichen Probleme aber nicht mit FGM in Verbindung gebracht.
Aufklärung und Prävention sind daher dringend erforderlich. Dabei ist respektvolles Verhalten der ausländischen Akteure ganz wichtig, sagt Alice Behrend von der Organisation Plan International. Wenn tiefe Empörung auf uralte Traditionen trifft, ist Dialog meist unmöglich, sagt die Aktivistin, die als regionale Beraterin für weibliche Beschneidung in Sierra Leone arbeitet. Sie empfiehlt stattdessen, in einen wertfreien Austausch zu treten und alle Bevölkerungsgruppen in den Dialog einzubeziehen, auch Männer, Kinder und Jugendliche. Beschneidung müsse als gesellschaftliches und nicht rein gesundheitliches Thema behandelt werden. Dringend erforderlich sei zudem, die Datenlage zu verbessern. Denn oft würden betroffene Gemeinden sagen: Eure Informationen sind sehr interessant, aber bei uns ist das alles anders.
Petra Meyer
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