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Beiträge aus der Rubrik InWEnt-Forum
Kicken baut Vorurteile ab
Ein Netz verbindet die Straßenkicker
Ein Jahr danach
 01/2006
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[ Konfliktprävention ]
Kicken baut Vorurteile ab
Junge Menschen üben beim Fußball faires und tolerantes Verhalten. Spielerisch lernen sie, Konflikte friedlich auszutragen. InWEnt fördert solche Ansätze im Rahmen von football for development. E+Z/D+C sprach darüber mit Albrecht Ansohn, dem Leiter des Projektes.
[ Interview mit Albrecht Ansohn ]
In diesem Jahr wird in Deutschland die Fußballweltmeisterschaft ausgetragen. InWEnt fördert in den Jahren 2005 und 2006 zum ersten Mal Fußball. Absicht oder Zufall?
Die Fußballweltmeisterschaft ist natürlich eine gute Gelegenheit, sich einmal genauer die Beziehungen zwischen Fußball und Entwicklung anzuschauen. Dass sich InWEnt sportlich engagiert, hat aber einen anderen Grund. Dem Fußball wohnt eine enorme soziale Energie inne. Sport und vor allem ein Mannschaftsspiel wie Fußball kann eine höchst positive Wirkung entfalten. Das allein sollte als Argument ausreichen, um Fußball als eine der beliebtesten Sportarten auf seine entwicklungsrelevanten Inhalte abzuklopfen. Hinzu kommt die globale Dimension. Fußball spielen Menschen weltweit. Jugendliche von Grönland bis Feuerland kennen Stars wie Zidane, Nedved oder Ronaldinho. Beide Aspekte sind für InWEnt gute Argumente, um sich dem Fußball zu widmen.
Die Vereinten Nationen hatten 2005 zum Jahr des Sports ausgerufen. Kann Sport die Welt verbessern?
Es wäre sicher naiv zu glauben, mehr Sport würde die Welt automatisch friedlicher machen. Sport ist so komplex und widersprüchlich wie das Leben. Gerade Fußball hat ja auch eine destruktive Seite. Oft erleben wir häßliche Seiten von Krawallen randalierender Fans bis hin zu Verwicklungen auf der staatlichen Ebene. Denken Sie an den Fußballkrieg Honduras gegen El Salvador. Deshalb ist es wichtig, dass wir dort Regeln aushandeln, die einen entwicklungsfördernden Nutzen bewirken.
Wie sieht der entwicklungspolitische Nutzen aus?
Bei InWEnt betrachten wir Fußball unter verschiedenen Aspekten. Fußball ist für uns zunächst ein zusätzlicher Weg, um Entwicklung und Austausch zu fördern. Im engeren Sinn sehen wir in Fußball ein Instrument zur Gewaltprävention. Fußball fördert den sozialen Zusammenhalt und den Dialog. Fairness und Toleranz zu üben gelingt hier, weil alle Beteiligten bestimmte Regeln einhalten und fair miteinander umgehen müssen. Schaffen sie das, können sie gemeinsame Perspektiven entwickeln. Sport hat eine starke Integrationskraft.
Können Sie das präzisieren?
Vielen Jugendlichen, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, fehlt ein sinnvoller Lebensinhalt. Deshalb haben wir bereits viel erreicht, wenn sie sich für etwas begeistern sei es Musik oder Sport. Mannschaftssport hat den pädagogischen Vorteil, dass es dort vielfältige Positionen zu besetzen gibt. Das zwingt einen Jugendlichen, sich in die Situation eines Anderen, etwa des gegnerischen Spielers, zu versetzen. Bei einigen Formen von Straßenfußball garantieren das auch die Regeln, die die Mannschaften untereinander aushandeln. So können sie beschließen, dass nur die Mädchen Tore schießen dürfen. Andere Regeln stärken eher den sozialen Bezug. Unser kenianischer Partner, die Mathare Youth Sports Association (MYSA), verbindet die Fußballbegeisterung der Jugendlichen mit sozialen Kriterien. Beseitigen die Mannschaften eine bestimmte Menge Müll in ihrem Stadtteil, bekommen sie zusätzliche Punkte. Besonders engagierte Jugendliche, die darüber hinaus soziale Arbeit leisten, werden mit Schulstipendien belohnt. So verbinden die Organisatoren den Sport mit sozialer und persönlicher Entwicklung.
Sind Teamsportarten eher geeignet, soziale Belange zu fördern?
Ich halte Teamsportarten für besser geeignet, weil sie immer die Kooperation von mehreren Spielern erfordern, um das Ziel zu erreichen. Zudem identifizieren sich mit Teamsportarten auch mehr Menschen. Natürlich liegen darin auch Risiken, etwa dass Fangruppen randalieren. Aber im Teamsport ist es per se notwendig, Toleranz und den Umgang mit Regeln zu lernen.
Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit Fußball entwicklungspolitisch sinnvoll eingesetzt werden kann?
Wir bauen auf die Erfahrungen unseres Partners streetfootballworld. Er vernetzt weltweit Fußballprojekte, bei denen die soziale Entwicklung im Vordergrund steht. Im Grunde aber gelten die gleichen Kriterien wie für alle Projekte. Wir brauchen entwicklungsorientierte Akteure. Fußballschulen in Afrika und Lateinamerika verdienen inzwischen viel Geld, indem sie Talente aussieben und für den europäischen Markt fit machen. Das hat aber nichts mit Entwicklung zu tun. Uns geht es darum, einen Nutzen für möglichst viele Beteiligte zu erreichen. Sie müssen sich in den Zielen wieder finden: bessere Ausbildung, höhere Lebensqualität im Stadtteil und so weiter. Von diesem Kriterium hängt es letztlich ab, ob wir ein Projekt fördern.
Wer steht hinter streetfoodballworld?
streetfootballworld ist ein Projekt der Stiftung Jugendfußball. Diese geht zurück auf die Initiative einiger Spieler aus dem deutschen Weltmeisterschaftsteam 1990. Sie wollten Jugendliche stärker fördern und sich stärker sozial verantwortlich einbringen. Bundestrainer Jürgen Klinsmann ist als Initiator der Stiftung Jugendfußball auch ein wichtiger Förderer von streetfootballworld. streetfootballworld hat sich zur Aufgabe gemacht, Fußballprojekte weltweit zu verlinken. Das trifft sich mit unserem entwicklungspolitischen Anliegen. Das Ergebnis ist eine gute und sich ergänzende Partnerschaft.
Wie kommt es, dass gemeinsames Kicken die sozialen Fähigkeiten entwickelt, den Austausch zwischen Angehörigen verschiedener Ethnien, Religionen et cetera fördert?
Fußball ist niemals ein Selbstläufer. Aber in Situationen, wo sich verfeindete Gruppen gegenüberstehen, kann gegeneinander Fußball zu spielen ein erster wichtiger Schritt zur Aussöhnung sein. Konkurrenz und Aggression nicht auf offenem Feld auszutragen, möglicherweise noch mit ungleichen Waffen, sondern nach klaren und festen Regeln friedlich gegeneinander anzutreten, das ist es, was Sport anbietet. Hinzu kommt: Damit das gemeinsame Spiel auch Spaß macht, müssen sich die gegnerischen Mannschaften sinnvoll aufeinander beziehen. Ist das nicht der Fall, sieht das nicht nur hässlich aus, es macht den Beteiligten auch schlichtweg keinen Spaß. Sich an einem festgelegten Ort zu treffen und nach Regeln zu spielen, über die sich beide Mannschaften zuvor verständigt haben, das ist schon ein ungeheuer komplexer Akt von Kooperation und kann sinnvoll die Keule oder Schlimmeres ersetzen.
Das Spielen nach festen, von allen akzeptierten Regeln scheint der zentrale Mechanismus zu sein, um Verhaltensänderungen zu erreichen
Auf jeden Fall. Das Lernziel besteht darin, den Gegner nicht als ein zu vernichtendes Objekt anzusehen, sondern als Partner, den ich respektiere. Das gelingt natürlich nicht immer. Das sehen wir in der Bundesliga wie bei internationalen Wettkämpfen. Aber die Chance ist da. Oft ist schon viel erreicht, wenn zwei Mannschaften gegeneinander antreten. Das ist der erste Schritt zum Austausch und zur Annäherung. Überdies ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Mannschaften wieder einmal aufeinandertreffen und die Verlierer dann ihre Chance zur Revanche bekommen.
Welche Absichten verfolgt InWEnt mit dem Projekt football for development?
Wir verfolgen vier Ziele: Wir wollen im Umfeld der WM nicht nur zeigen, welche Kompetenzen im Süden auf dem Rasen bestehen, sondern auch wie sinnvoll es ist, in lokalen Entwicklungsprojekten mit Fußball zu arbeiten. Zweitens sind wir der Meinung, dass wir im Fußball interessante Angebote haben. Deshalb laden wir junge Fußballerinnen und Fußballer aus diesen Projekten nach Deutschland ein. Drittens wollen wir Menschen dazu bringen, Erfolge in den weniger entwickelten Ländern und Erfahrungen von dort stärker wertzuschätzen. Und nicht zuletzt möchten wir in der Entwicklungspolitik dazu beitragen, dass die Verbindung von Sport und Entwicklung stärker thematisiert wird. Wir hoffen auf einen interessanten und dauerhaften Gedankenaustausch mit anderen Organisationen, die ebenfalls an dem Thema arbeiten. Getragen wird das Ganze von unserem Programm für Arbeits- und Studien-Aufenthalte in Afrika, Lateinamerika, Asien und Südosteuropa (ASA).
Wie beteiligt sich ASA daran?
Das Programm zur entwicklungspolitischen Bildung gibt Studierenden und jungen Berufstätigen zwischen 21 und 30 Jahren die Möglichkeit, drei Wochen lang bei einem Partner in Afrika, Asien, Lateinamerika oder Südosteuropa mitzuarbeiten. ASA bereitet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor, finanziert die Reisekosten und vergibt ein Teilstipendium für die Dauer des Aufenthalts. Jedes Jahr bietet das InWEnt-Programm etwa 130 Projekte für die verschiedensten Studien- und Berufsrichtungen an. ASA ermöglicht jungen Menschen, einen zeitlich befristeten Perspektivwechsel vorzunehmen. Die Begegnungen sollen gegenseitiges Verständnis wecken und neue Lösungen fördern.
Mit welchen Partnern arbeiten Sie vor Ort zusammen?
Alle Partner verfügen über eine sportliche Dimension. Fast immer haben sozial engagierte Fußballprofis die Organisationen gegründet. MYSA, unser Partner in Nairobi, startete Anfang der neunziger Jahre mit einem professionellen Team. Mathare United wurde inzwischen mehrfach kenianischer Meister. In Brasilien engagieren sich 50 ehemalige Profis und Mitspieler von Pelé im Rahmen von Rede Brasil 21. Es sind Fußballprofis, die über ihren Tellerrand hinausschauen. Sie sehen auch die andere Dimension dieses Sports: die Möglichkeit, damit viele Menschen zu begeistern, aber auch, sie zu konstruktivem Handeln zu veranlassen.
Was steuert InWEnt zu den Projekten bei?
Wir machen keine Projektförderung. Trikots oder Schuhe müssen die Gruppen anderswo akquirieren. InWEnt sorgt für den Austausch, das heißt, wir kümmern uns darum, junge engagierte Multiplikatoren aus dem Sportbereich in die Projekte zu schicken und Besucher von dort zu empfangen. Um die Gäste aus den Entwicklungsländern sinnvoll bei uns unterzubringen, arbeiten wir beispielsweise mit der Landessportjugend in Hamburg und in Baden-Württemberg zusammen. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass sich auch dort, wo die Gäste aus dem Süden bei ihren Aufenthalten in Deutschland mitkicken, Fußball mit sozialen Aktivitäten verbindet. InWEnt trägt außerdem zur inhaltlichen Diskussion und Auswertung bei.
Was geschieht mit dem Projekt nach dem Ende der WM?
Wir haben mit streetfootballworld vereinbart, dass es nicht mit dem Ende der WM versandet. Wir werden uns die Erfahrungen anschauen, die wir gewonnen haben, und überlegen, wie wir sie in einen größeren Zusammenhang sinnvoll einspeisen können. Die Fußballweltmeisterschaft 2010 wird in Südafrika stattfinden. Schon das spricht dafür, entwicklungspolitisch am Ball zu bleiben.
Die Fragen stellte Norbert Glaser.
Albrecht Ansohn
leitet bei InWEnt das ASA-Programm und ist für football for development verantwortlich.
albrecht.ansohn@inwent.org
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