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Editorial
 01/2006
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Das Recht auf Finanzdienstleistung
Noch ein Jahr des Mikrokredits, wie es die Vereinten Nationen 2005 ausgerufen hatten, wird es vermutlich nicht geben. Manchmal verstreichen solche Themen ohne große Spur. Doch diesmal ist das unwahrscheinlich, denn die Zeit ist reif für eine Epoche des umfassenderen Mikrofinanzwesens.
Mikrokredit-Anbieter haben enorme Fortschritte gemacht. In den 70er Jahren gründete Muhammad Yunus, der den Anspruch auf Kredit zu einem Menschenrecht erklärte, in Bangladesch die Grameen Bank. Sie ist längst weltbekannt. Manche Fachleute übersehen allerdings das sozialpädagogische Engagement dieses Finanzinstituts. Es schließt Dorffrauen in kleinen Gruppen zusammen und lässt sie wechselseitig für die kleinen Summen bürgen, die sie für Einkommen schaffende Investitionen brauchen. Die Bank organisiert Gruppen in Verbänden, die sich solidarisch unterstützen aber auch kritisch überwachen. Grameen bietet Qualifikationskurse an und wirbt für Alphabetisierung. Die Bank (und ähnlich konzipierte Initiativen) haben in muslimisch geprägten Dörfern eine neuartige weibliche Öffentlichkeit geschaffen und propagieren ökonomisches Denken.
Neben diesem spektakulären Erfolg verblasst freilich in der öffentlichen Wahrnehmung manch andere positive Entwicklung. So sammeln auch andere Firmen mit Kleinkrediten gute Erfahrungen. Inzwischen sind Netzwerke wie ProCredit, Finca oder Accion international aktiv. Ihre sozialpädagogischen Ambitionen variieren. ProCredit etwa arbeitet überhaupt nicht mit Gruppen und richtet sich nicht an die allerärmsten Menschen, sondern an unternehmensfreudige Personen aus minderbemittelte Schichten. Die Differenz zwischen Kleinfirmenförderung und elementarer Armutsbekämpfung mag erhitzte Debatten auslösen. Doch volkswirtschaftlich fließen die Grenzen. Kleinunternehmen schaffen Arbeitsplätze und Einkommen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Mikroinvestitionen marginalisierter Menschen wiederum sind ohne betriebswirtschaftlichen Erfolg nutzlos.
Und Darlehen sind nicht die einzig relevanten Finanzprodukte. Arme Menschen brauchen sichere Orte für Ersparnisse so gering sie sein mögen. Bargeldloser Zahlungsverkehr schützt vor Diebstahl und Raub. Auslandsüberweisungen sind im Migrationszeitalter in benachteiligten Regionen besonders wichtig. Zudem sammeln Versicherungen längst viel versprechende Erfahrungen mit Mikropolicen.
Das verbreitete Vorurteil, Finanzwirtschaft lohne sich erst ab einem bestimmten Wohlstandsniveau, beruht auf einem doppelten Missverständnis. Produkte, die Großkonzernen nicht lukrativ erscheinen, können Kunden trotzdem nutzen und ökonomisch machbar sein. Wichtiger noch: Ein breit aufgestelltes Finanzsystem ist nicht die Konsequenz ökonomischen Erfolgs sondern die Voraussetzung. In Deutschland und anderen mittlerweile reichen Ländern gab es längst flächendeckend Infrastrukturen, bevor das heutige Konsumniveau erreicht wurde. Dafür sorgten bei uns im 19. Jahrhundert kommunale Sparkassen und Genossenschaftsbanken.
Der Trend zur Mikrofinanz verdient in allen seinen Formen Unterstützung. Er geht nicht nur die Branche selbst an. Regierungen müssen für angemessene Regelungen sorgen. Medien und Bildungswesen sollten Verständnis für Finanzprodukte wecken (was nach breiter Expertenmeinung übrigens auch hier zu Lande nicht ausreichend geschieht). Das Ziel muss der flächendeckende Zugang zur seriösen Finanzwirtschaft werden durchaus im Sinne eines Menschenrechts: für alle auf zuverlässigem, wenn auch vielleicht niedrigem Niveau.
Dr. Hans Dembowski
Chefredakteur E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit/
D+C Development and Cooperation
euz.editor@fsd.de
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