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Afrikawissenschaft und Politik ein prekäres Verhältnis
 01/2004
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Afrikawissenschaften und Afrikapolitik
Ein prekäres Verhältnis
[ Von Andreas Mehler und Ulf Engel ] Während die deutsche Politik sich stärker ihrer internationalen Verantwortung bewusst wird, gehen die deutschen Universitäten daran, die Lehrstühle einzusparen, an denen die dafür erforderlich regionalwissenschaftliche Expertise bereitgestellt und gelehrt wird. Insbesondere die Afrikawissenschaft wird, wenn dieser Trend nicht aufgehalten wird, demnächst nicht mehr in der Lage sein, die Politik sachgerecht zu beraten, geschweige denn, Afrika-Experten an den Universitäten auszubilden, sagen Andreas Mehler und Ulf Engel.
Seit Ende der 90er Jahre erhebt die Bundesregierung verstärkt den Anspruch, deutsche Interessen im internationalen Raum aktiv wahrzunehmen. Deutschland wird auch tatsächlich als global player wahrgenommen. Entsprechende Erwartungen des Auslands begegnen uns nicht nur in der Diskussion um Afghanistan oder Irak, sondern auch im Zusammenhang mit den Strukturfragen in den Nord-Süd-Beziehungen.
Seit der HIPC-2-Initiative des Kölner G7-Gipfels 1999 hat Deutschland vor allem Afrika als Ansprechpartner seines multilateralen Politikentwurfs entdeckt. Besonders deutlich wird dies in der hohen symbolischen Unterstützung, die die NePAD-Initiative (New Partnership for Africas Development) erfährt. Konkrete Verpflichtungen in Folge des 2002 in Kananaskis verabschiedeten Action Plan for Africa der G8 beziehen sich unter anderem auf Unterstützung beim Aufbau von afrikanischen Krisenreaktionskräften bis zum Jahr 2010. Für die deutsche Afrika-Politik lauten die wichtigsten Stichworte derzeit Armutsbekämpfung, Demokratieförderung und Krisenprävention. Neue mögen in absehbarer Zeit hinzukommen.
Diese Debatte schafft Erwartungen hinsichtlich einer möglichst widerspruchsfreien und effizienten Umsetzung der politischen Konzepte. Davon sind die Ressorts jedoch weit entfernt. Zwar wird deutschen Durchführungsorganisationen die notwendige technische Expertise häufig zugeschrieben. Das Auswärtige Amt hat mit der Formulierung von Regionalkonzepten begonnen. Doch in den großen konzeptionellen Debatten der Entwicklungspolitik wie anderer Ressortpolitiken sind deutsche Entscheidungsträger zu oft nur Zuschauer oder unterliegen selbst einer Form der nachholenden Entwicklung. Kann eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Regionalwissenschaften, speziell der sozialwissenschaftlich orientierten Afrikanistik, dazu beitragen, dieses Defizit zu beseitigen?
Politik und Wissenschaft
Die zunehmende Komplexität von Problemen und Lösungsstrategien sowie der gestiegene Steuerungsbedarf in der Implementierung begründen neue Ansprüche an die Praktiker. Politik, Verwaltung und die Durchführungsorganisation der Entwicklungszusammenarbeit sind angewiesen auf international wettbewerbsfähig ausgebildete, theoretisch versierte und kulturell sensible Hochschulabsolventen, eine gleichermaßen problemorientierte wie selbstreflexive Forschung sowie kompetente, kritische und unabhängige Beratung aus der Wissenschaft. Verfügen Deutschlands Afrikawissenschaften, verfügt die sozialwissenschaftliche Afrikanistik über das Potenzial, dieser Erwartung gerecht zu werden? Eine ehrliche Antwort muss ernüchternd ausfallen: Die deutschen Afrikawissenschaften sind längst nicht mehr so aufgestellt, dass sie die politische Neubewertung Afrikas durch Ausbildung, Forschung, Beratung und Evaluierung auch wirklich unterstützen können.
Dies ist in erster Linie eine Konsequenz der finanziellen Krise des deutschen Bildungssystems. Das Problem stellt sich an Universitäten und Forschungsinstituten gleichermaßen. Mittelfristig wird es zu einem Problem der Politik werden, der im Afrikabereich die akademischen und intellektuellen Fundamente wegzubrechen drohen. In internationalen Diskussionszusammenhängen wird Deutschland mit dem dann noch zur Verfügung stehenden personellen Ressourcen in seiner Afrikapolitik kaum noch bestehen können, man wird sich zunehmend einfach dem anschließen müssen, was anderswo erforscht, gedacht und formuliert wird. Deutschland als Nettoimporteur von Ideen und ausgebildetem Personal? Und auch in den außenpolitischen Prozessen stehen Einschnitte an: Eine bereits bestehende Tendenz zur Multilateralisierung, nicht etwa aus Überzeugung und auf Grundlage von zielgerichteten Abstimmungen nationaler Präferenzen, sondern schlicht wegen fehlender eigener Positionen, wird zwangsläufig wachsen.
Herausforderungen für die Afrikawissenschaft
Beobachtung 1:
In der universitären Ausbildung wird die sozialwissenschaftliche Afrikanistik zunehmend marginalisiert, sowohl in den systematischen Disziplinen wie auch in den so genannten Regionalwissenschaften.
Angesichts chronisch knapper öffentlicher Kassen wird auch an den Universitäten massiv gespart. In der Politikwissenschaft, der Soziologie und der Volkswirtschaft finden Umschichtungen in der Lehre statt, die zur Ausdünnung ganzer Fachstrukturen und -kulturen führen. Vielerorts werden auf Afrika spezialisierte Hochschullehrer nach ihrer Emeritierung entweder nicht mehr durch einen anderen Regionalisten ersetzt oder die Stelle fällt gleich dem Rotstift zum Opfer. Da in diesen Jahren ein Generationswechsel an den Universitäten bevorsteht, bieten sich zahlreiche Gelegenheiten für die Entsorgung Afrikas in der Lehre. Dies beginnt sich bereits flächendeckend negativ für die Afrikawissenschaften (und andere area studies) auszuwirken. Es steht zu vermuten, dass die Ausbildung bis Ende des Jahrzehnts weitgehend ohne eine sozialwissenschaftliche Afrikakompetenz auskommen muss.
In den eigentlichen Regionalwissenschaften (im Ausland: African Studies) sieht es nicht besser aus: Die gewachsene Fächerstruktur in Deutschland bedient zuallererst eine linguistische Interpretation des Begriffs Afrikanistik. Es gibt in Deutschland aber nur eine einzige explizit der Soziologie Afrikas gewidmete Hochschullehrerposition (Bayreuth), sowie je eine für die Politik und für die Ökonomie Afrikas (beide in Leipzig). Dies entspricht nur knapp sieben Prozent aller Afrikanistik-Stellen ab Besoldungsgruppe C2 an deutschen Universitäten.1
Es stellt sich daher die Frage, welche Art Absolventen und Expertise das deutsche Universitätssystem aktuell und vor allem aber auch in Zukunft für Afrikapolitik bereitstellen kann. Welche Ergebnisse wird die absehbare Reduzierung kritischer akademischer Masse in den systematischen Disziplinen haben? Wird es ausreichen, die neue deutsche Afrikapolitik nahezu ausschließlich mit Generalisten zu begleiten, die ein kultur- und länderspezifisches Fachwissen erst im Rahmen einer Promotion erwerben können? Kann diese Lücke mit einer immer noch geringen Zahl von Afrikanisten aus kleinräumig ansetzenden und eher politikfernen Fächern (Linguistik, Ethnologie) gefüllt werden? Kann Afrikakompetenz in der notwendigen disziplinären Breite und länderkundlichen Tiefe in den existierenden Studiengängen überhaupt hergestellt werden?
Beobachtung2:
Afrikaorientierter Grundlagenforschung fehlen die Mittel für eine Verstetigung international konkurrenzfähiger und politikrelevanter Forschung.
Auch in den traditionellen Förderinstitutionen findet seit Jahren eine Reorientierung statt, in deren Ergebnis es auch auf wohl begründete Anträge der Afrikanistik immer häufiger heißt: approved, but not funded. Unter den Bedingungen der Universitäten Umbau im Zuge des Bologna-Prozesses, der zu einem einheitlichen europäischen Hochschulraum führen soll, bei gleichzeitigen Einsparungswellen wird der Raum für eigene Forschung daher immer enger. Die Ausbildung von Doktoranden in der sozialwissenschaftlich orientierten Afrikanistik wird finanziell immer öfter zum Risiko für die Studierenden, seit auch die Studienstiftungen den Rotstift ansetzen müssen.
Außerhalb der Universitäten findet politik- und entwicklungsrelevante Afrikaforschung am Institut für Afrika-Kunde (Hamburg), am Deutschen Institut für Entwicklungsforschung (Bonn) und in geringerer Personalstärke an der Stiftung Wissenschaft und Politik (Berlin) sowie am Arnold-Bergsträsser-Institut (Freiburg i. Br.) statt. Gut ein Dutzend etablierte Forscherstellen stehen hier in der Summe zur Verfügung, aber vor allfälligen Sparplänen sind auch diese nicht durchgängig sicher. Der personelle und zeitliche Raum für kontinuierliche Länderbeobachtung (48 Staaten südlich der Sahara), international relevante Methoden- und Theoriediskussion sowie die Rekonstruktion von Empirie in Forschungsprojekten ist daher sehr begrenzt. Die Bordmittel reichen in der Regel kaum für die notwendigen Dienstreisen in Deutschland. An einer kontinuierlichen Drittmittelförderung, die Personalplanung über den dünnen Personalstamm hinaus ermöglichen könnte, fehlt es. Im Gegensatz etwa zur Förderungspraxis in Großbritannien beginnen die Ressorts gerade erst zaghaft, eine eigene Rolle in diesem Prozeß zu entdecken.
Beobachtung 3:
Kritische und systematische Politikberatungs- und Evaluierungskapazitäten sind rar.
Dass Politik in all ihren Ausformungen heute wissenschaftlich begleitet, hinterfragt und evaluiert werden sollte, ist inzwischen in die Köpfe eingedrungen. Der potenzielle Nutzen für die Praxis ist evident. Von einer systematischen Beratungsfähigkeit in Sachen Afrikapolitik kann indes nicht gesprochen werden. Dafür mangelt es an Expertise in zentralen Themenfeldern ebenso wie an gesättigtem Wissen über eine Vielzahl von Regionen, in denen Deutschland Afrikapolitik betreibt oder wird betreiben müssen. Eine unabhängige Politikevaluierung, vor allem der Entwicklungszusammenarbeit, wird immer wieder zwar individuell, aber eben nicht institutionell geleistet.
Bleibt festzuhalten, dass die Decke an Regionalexpertise bereits sehr dünn geworden ist. Es geht längst nicht mehr um Kritik an einzelnen Allokationsentscheidungen in einem meist als Nullsummenspiel dargestellten Umfeld, sondern um die Gefährdung eines reproduktionsfähigen Minimums an Humankapital und Expertise. Afrikawissenschaft in Deutschland läuft dramatisch Gefahr, Afrikapolitik just in dem Moment nicht mehr solide begleiten zu können, da sich die über Jahre eingeklagte Neubewertung Afrikas umzusetzen beginnt. Die Universitäten werden bald kaum noch sozialwissenschaftlich ausgebildete Afrikanisten bereitstellen können.
Auf dem Weg
zu Lösungsansätzen
Wo bestehen Auswege aus dieser sicherlich nicht nur von den Afrikawissenschaften, sondern auch der Entwicklungsökonomie oder der Lateinamerikaforschung etc. erlebten Krise? Wenngleich es keine einfachen Antworten und schnellen Lösungen gibt, ließe sich dennoch auf allen drei Ebenen Ausbildung, Forschung und Evaluierung/Politikberatung ansetzen.
Nach Jahren des Reformstaus erleben wir im deutschen Bildungssystem nun eine Phase intensiver Reformbemühungen. Die föderale Verfasstheit Deutschlands birgt in diesem Fall allerdings eine große Gefahr: Reformdebatten an den Universitäten sind zumeist strikt standortgebunden, überschreiten in aller Regel nicht den Rahmen des jeweiligen Bundeslandes. Eine Diskussion um die Sicherstellung einer notwendigen kritischen Masse an wissenschaftlicher Expertise in einem außenpolitisch relevanten Feld findet nicht statt und ist nur dann sinnvoll, wenn sie eine gesamtstaatliche Perspektive einnimmt. Es gibt allerdings kein Gremium, das nationalen Bedarf, etwa im Bereich der Afrikawissenschaften, in den Blick nähme. Außenpolitische oder auch entwicklungspolitische Aufgaben werden in der gegenwärtigen Sparstimmung von den Ländern als nachrangig wahrgenommen.
Die Herstellung eines nationalen Dialoges zwischen Universitäten, Wissenschaftsministerien, Förderinstitutionen der Forschung sowie Politik, Verwaltung und entwicklungspolitischen Durchführungsorganisationen wäre ein erster Schritt. Kurzfristig gilt es, Problembewusstsein herzustellen, am Runden Tisch Lösungsoptionen zu diskutieren. Politik und Wissenschaft sind gleichzeitig aufgefordert, Bedarfsanalysen anzustellen und in Übereinstimmung zu bringen. Mittelfristig müssen Mittel und Wege erörtert werden, den weiter drohenden universitären Stellenabbau, der zu Lasten von Regionalexpertise geht, politisch zu moderieren, um bundesländerübergreifend zu Ausgleichsverhandlungen zu gelangen (wie es sie im Einzelfall bilateral ja durchaus schon gibt). Für die außeruniversitären Forschungseinrichtungen gilt dasselbe: Nach Jahren des schleichenden Stellenabbaus drohen Einschnitte, die dazu führen, dass eine Schwelle der Mindestkapazität unterschritten wird.
Hier geht es nicht um die Umverteilung in einem kannibalisierenden Nullsummenspiel. Vielmehr wird die Frage zu diskutieren sein, was sich Deutschland an Expertise zu Themen der Gegenwart, stärker noch der Zukunft (angesichts fortschreitender Globalisierung mit Rückwirkungen ferner Ereignisse auf die eigene Lebenswelt) leisten möchte Themen, die nicht immer in der Tagesaktualität stehen.
Eine weitere strategische Frage betrifft die öffentliche Forschungsförderung. Auch hier wird über die Frage neu zu befinden sein, mit welchem Wissen und welchen personellen Ressourcen Deutschland sich seiner internationalen Zukunft zu stellen gedenkt.
Auf Sicht sind die Voraussetzungen für eine konstruktive Rolle der Afrikawissenschaften in Deutschland gegenüber der deutschen Afrikapolitik schlecht. Die Tendenz könnte sich weiter verschärfen: Gewachsene internationale Verantwortung und neue internationale Identität auf der einen Seite und Kompetenzen in den Bereichen Ausbildung, Forschung und Beratung/ Evaluierung auf der anderen fallen in absehbarer Zeit noch stärker auseinander. Es wird Zeit, darüber zu reden, wann der point of no return erreicht ist und wie hier im wohlverstandenen gemeinsamen Zukunftsinteresse gegengesteuert werden kann.
1) Ulf Engel (2003): Gedanken zur Afrikanistik Zustand und Zukunft
einer Regionalwissenschaft in Deutschland, in:
Afrika Spectrum 38 (1) 111-123
Debattenbeiträge dazu in Afrika Spectrum 38 (2) 245-253
PD Dr. Ulf Engel Politologe, ist Hochschuldozent für Politik in Afrika
am Institut für Afrikanistik der Universität Leipzig.
uengel@rz.uni-leipzig.de
Dr. Andreas Mehler Politologe, ist Direktor des Instituts
für Afrika-Kunde in Hamburg.
mehler@iak.duei.de
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