E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 1, Januar 2000, S. 8-11)


Karl Marx (1818-1883)
Die drei Entwicklungstheorien des Karl Marx

Ulrich Menzel


Obwohl Marx kein ausgearbeitetes entwicklungstheoretisches Werk hinterlassen hat, hätte seine Wirkung auf die Entwicklungstheorie kaum größer sein können. Seit 1917 wurden in seinem Namen Prozesse nachholender Entwicklung inszeniert, von denen nahezu die Hälfte der Menschheit betroffen war. Aber nicht nur die sozialistischen Wirtschaftsplaner, auch die eine Hälfte der Theoretiker im Westen und nahezu alle Theoretiker im Süden beriefen sich auf Marx, selbst wenn ihre Analysen und Schlussfolgerungen häufig untereinander diametral entgegengesetzt waren. Was dabei häufig nicht klar genug herausgearbeitet wurde, ist, dass sich aus dem Werk von Karl Marx drei unterschiedliche Entwicklungstheorien ableiten lassen.



I.

Carl Heinrich Marx wurde am 5. Mai 1818 als drittes von neun Kindern der Eltern Heinrich und Henriette Marx, geb. Preßburg, in Trier geboren. Beide Eltern entstammen angesehenen Rabbiner-Familien. Der Vater war Rechtsanwalt. Nach dem Abitur begann Marx 1835 ein Jura-Studium in Bonn, das er 1836 in Berlin fortsetzte. Der Einfluss der Junghegelianer förderte die Hinwendung zur Philosophie. 1841 wurde Marx von der Philosophischen Fakultät der Universität Jena "in absentia" promoviert.

Statt die geplante Hochschulkarriere einzuschlagen, wurde Marx 1842/43 Redakteur der Rheinischen Zeitung in Köln. Nach der Heirat mit Jenny von Westphalen folgten der Umzug nach Paris, der Kontakt mit anderen Emigranten wie Heine, Proudhon und Bakunin, der Beginn der lebenslangen Freundschaft mit Engels, die Hinwendung zum Kommunismus und erste ökonomische Studien. Nach seiner Ausweisung ließ sich Marx 1845 in Brüssel nieder, wo er am Vorabend der 1848er Revolution das "Manifest der Kommunistischen Partei" als Auftragsarbeit für den "Bund der Kommunisten" verfasste. Nach seiner Ausweisung ging Marx wieder nach Köln, arbeitete als Chefredakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung" und Aktivist der Revolution. 1849 wurde er endgültig als Staatenloser aus Preußen ausgewiesen und ließ sich am 24. 8. 1849 in London nieder.

1850 begann sein intensives Studium der klassischen Nationalökonomie im Lesesaal des Britischen Museums, das von politischen Aktivitäten (zuerst Bund der Kommunisten, 1861-1872 Erste Internationale) und Korrespondententätigkeit (New York Daily Tribune u. a.) unterbrochen wurde. Die finanzielle Absicherung der Familie Marx (drei legitime Kinder, Jenny, Laura und Eleanor, ein illegitimes, Frederick, 1-2 Dienstmädchen) übernahm Engels, der 1850 nach Manchester übersiedelte und in die dortige Niederlassung der Firma "Ermen und Engels" eintrat.

Nach fast zwanzigjährigen Vorarbeiten erschien 1867 endlich Band 1 des Hauptwerks, "Das Kapital". Die weiteren geplanten Bände blieben Fragment. Stattdessen wandte sich Marx seit 1872 Russland-Studien und seit 1879 ethnologischen Studien zu. Wachsende gesundheitliche Probleme reduzierten seit Mitte der 1870er Jahre seine Arbeitskraft. Der Tod der Frau 1881 und der Tochter Jenny 1883 belasteten den gesundheitlich schwer angeschlagenen Mann so sehr, dass er am 14. März 1883 in London starb. Begraben liegt er auf dem Friedhof von Highgate.

Die meisten seiner Schriften wurden erst posthum veröffentlicht, so 1885 und 1893 Bd. 2 und 3 des "Kapital", 1905-1910 die "Theorien über den Mehrwert". 1927-1935 erfolgte der erste Versuch einer Gesamtausgabe (MEGA 1), die dem Stalinismus zum Opfer fiel. Erst 1932 wurden die philosophischen "Frühschriften" und 1939-1941 die "Grundrisse" veröffentlicht. Eine zweite Werkausgabe (MEW) folgte 1956-1990, blieb aber wegen des Zusammenbruchs der DDR unvollständig. Die 1975 gestartete MEGA 2, beinahe ein Opfer des Endes des Stalinismus, wird seit 1992 durch die Internationale Marx-Engels-Stiftung fortgesetzt. Erst 1993 wurde im Rahmen der MEGA 2 die Urfassung von Band 3 des "Kapital" veröffentlicht.


II.

Marx' Leben, das durch eine außerordentliche Energie und Schaffenskraft geprägt war und sich nach Abschluss der MEGA 2 in ca. 114 Doppelbänden niederschlagen wird, war eine Geschichte der äußersten Not, des Geldverprassens und Schuldenmachens, der Staatenlosigkeit, der mehrfachen Ausweisung, des Exils, der unerbittlichen Polemik gegen Andersdenkende, des Umherziehens zwischen Trier, Bonn, Köln, Bad Kreuznach, Paris, Brüssel und London, eines Sprachgenies, das nie den moselfränkischen Akzent verlor und doch über die ganze Welt theoretisierte. Es war aber auch die Geschichte des politischen, publizistischen, möglicherweise sogar des theoretischen Scheiterns.

Zu seinen Lebzeiten gelesen hatte Marx kaum jemand. Viele Vorhaben blieben reines Projekt, Exzerpt, Randglosse, Rohentwurf, Grundriss, Fragment - alles in allem etliche 10 000 engbeschriebene Seiten Papier, die Engels im Nachlass fand. Die wenigen fertiggestellten Texte fanden keinen Verleger und nur in der Schublade "die nagende Kritik der Mäuse", konnten aus Geldmangel nicht ausgeliefert werden, fielen der Zensur anheim, wurden von der Polizei konfisziert oder wurden, wie etwa die russische Ausgabe des "Kapital", nicht zensiert, weil sie viel zu schwierig waren, um verstanden zu werden. Selbst die erste Auflage von Band 1 des "Kapital" brauchte fünf Jahre, bis die bescheidenen 1000 Exemplare verkauft waren.

Berühmt und politisch wie theoretisch einflussreich gemacht haben Marx erst die späteren Bearbeitungen und Popularisierungen von Engels, Kautsky, Bebel, Bernstein, Rjazanow, die Lenin'sche Umdeutung ("Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus") und die stalinistische Dogmatisierung.

Ein explizit entwicklungstheoretisches Werk hat Marx nie verfasst, und dennoch ist er zu einem der einflussreichsten Entwicklungstheoretiker überhaupt geworden, auf den sich die eine Hälfte der Zunft im Osten wie im Westen, im Norden wie im Süden berufen hat. Seine Lehre wurde in vielen Teilen der Welt zur offiziellen Staatsdoktrin, mit der nicht nur der Aufbau des Sozialismus begründet, sondern gleich auch noch ein Paradoxon mitgeliefert wurde, sollte doch im Marx'schen Verständnis Sozialismus eine gesellschaftliche Epoche jenseits des Kapitalismus sein, nachdem die Entwicklungsproblematik gelöst und nur noch die gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zu regeln war, und nicht etwa eine Doktrin zur Inszenierung nachholender Entwicklung.

Vermutlich hat sich kaum einer der marxistischen Politiker die Mühe gemacht, Marx' Entwicklungstheorie aus den verstreuten Hinweisen zu rekonstruieren, sonst wäre schnell deutlich geworden, dass die einschlägigen Passagen in seinem Werk in ihrer Ambivalenz und Widersprüchlichkeit kaum die theoretische Grundlage für das Projekt nachholender Entwicklung unter sozialistischen Vorzeichen hätten abgeben können.

Zum Verständnis der Marx'schen Entwicklungstheorie sind auf jeden Fall die vier Wurzeln seines Denkens überhaupt zu berücksichtigen. Dies ist erstens die Hegel'sche Geschichtsphilosophie, kombiniert mit dem Materialismus Feuerbachs, der auf den Einfluss der Junghegelianer zurückgeht. Dazu kommen zweitens der Einfluss der französichen Frühsozialisten (Proudhon, St. Simon) während des Pariser Exils und drittens das Studium der klassischen, vor allem der englischen Nationalökonomie (Smith, Malthus, Ricardo, Mill) während des Londoner Exils.

Diese drei Einflüsse kulminierten in einer zunächst weitgehend konsistenten Theorie über die Abfolge von Gesellschaftsformationen, deren Triebkräfte, Widersprüche und revolutionären Umbrüche auf ein Endziel hin orientiert waren. Diese Utopie war, wissenschaftlich legitimiert, als politische Handlungsanweisung gedacht und mit einem universalistischen Anspruch versehen.

Erst die letzten Jahre seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, nämlich die einer intensiven Beschäftigung mit vorkapitalistischen Gesellschaften, namentlich mit Russland, ließen offenbar bei Marx so große Zweifel an seiner "Großen Theorie" aufkommen, dass er nicht nur die Arbeit am "Kapital" abbrach, sondern sogar eine damit in Widerspruch tretende Entwicklungsvariante andachte, deren politische Konsequenzen er auch vorsichtig zum Ausdruck brachte.

Axiomatische Bedeutung für Marx hatte sein Verständnis von Theorie und Praxis. Die politische (und damit auch die entwicklungspolitische) Praxis muss ganz im Sinne der 11. Feuerbach-These der Bezugspunkt jeglicher Theorie sein. Dazu kommt, dass Kapitalismus für ihn eine historisch begrenzte Gesellschaftsformation ist, weil er nicht nur Wohlstand produziert, sondern auch Ausbeutung und damit soziale Probleme. Kapitalistische Entwicklung verläuft aufgrund von Widersprüchen, die dem Akkumulationsprozess inhärent sind, immer krisenhaft und schafft damit (hierin äußert sich die Marx'sche Dialektik) die subjektiven und objektiven Voraussetzungen seiner eigenen Transformation. Und schließlich geht Marx davon aus, dass Gesellschaft immer in ihrer Totalität betrachtet werden muss, ökonomische Prozesse keinen Automatismus besitzen, sondern immer auch das Resultat von politischen Kräftekonstellationen sind.

Das entwicklungspolitische Konzept von Marx, so wie es sich aus der "Deutschen Ideologie", dem "Manifest", dem "Kapital", aber auch aus kleineren Arbeiten zu Indien und China herausdestillieren lässt, lautet folgendermaßen:

Am Anfang jedes Entwicklungsprozesses, immer verstanden als Industrialisierung, steht die ursprüngliche Akkumulation. Diese vollzieht sich im Prozess der Auflösung des Feudalismus durch die gesellschaftliche Trennung von Kapitalbesitzern und freien Lohnarbeitern. Anhand des englischen Beispiels illustriert Marx, wie durch die Vertreibung der Bauern Ackerland in Schafweide zum Zweck der profitableren Wollproduktion umgenutzt wird. So kommt es zur Kapitalisierung des Bodens und zur Verwandlung von Bauern in Lohnarbeiter, die ihre Existenz in der frühen Textilmanufaktur fristen. Die Auflösung der Subsistenzwirtschaft und die beginnende Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land führen zur Herausbildung des inneren Marktes.

Zusätzlich verweist Marx allerdings auf die Entstehung des Wucher- und Kaufmannskapitals als Folge von Fernhandel und kolonialer Expansion. Es lassen sich also bereits hier beide Positionen der Debatte finden, die später mit solcher Intensität, etwa bei Dobb versus Sweezy oder Wallerstein versus Brenner, geführt wird, nämlich ob primär interne Kapitalakkumulation oder externer Kapitalzufluss, insbesondere aus den Kolonien, die Industrialisierung vorbereitet haben.

Die weitere Entwicklung lässt sich ableiten aus der Marx'schen Werttheorie. Diese besagt kurz gefasst Folgendes: Der Wert einer Ware entspricht der Summe der zu ihrer Herstellung verausgabten Arbeitskraft. Das eingesetzte Sachkapital (Abnutzung von Maschinen, Rohstoffe etc.) ist selbst nur aufgespeicherte Arbeit, die im Produktionsprozess in die Produkte eingeht. Auch die Arbeitskraft selbst ist eine Ware, deren Wert ihren Reproduktionskosten, also den notwendigen Lebensmitteln, entspricht und sich in der Höhe des Lohns widerspiegelt. Die Besonderheit der Ware Arbeitskraft besteht in dem Umstand, dass ihre Verausgabung einen höheren Wert schafft, als zu ihrer Reproduktion notwendig ist. Diese Differenz ist der Mehrwert. Da der Kapitalist aber die Leistung des gesamten Arbeitstages gekauft hat, kann er auch über das gesamte Produkt verfügen. Sein Ziel muss sein, will er im Konkurrenzkampf nicht unterliegen, durch Steigerung der Arbeitsproduktivität den Mehrwert und damit seinen Profit zu steigern, was durch Einsatz von Maschinen möglich ist.

Die Marx'sche Kritik setzt an bei der Verteilung des Mehrprodukts. Während bei seinen nationalökonomischen Vorläufern die Entlohnung der drei Produktionsfaktoren Boden, Kapital und Arbeit durch Rente, Profit und Lohn als gerechtfertigt angesehen wurde, begründet für Marx diese Verteilung ein Ausbeutungsverhältnis, das durch die Abschaffung der Grundbesitzer und Kapitalisten und damit die Erhöhung der Arbeitseinkommen aufgehoben werden soll. Damit liefert er eine doppelte Begründung, warum es zur Überwindung des Kapitalismus kommen muss, nämlich eine objektive zur Lösung der Verteilungsproblematik und eine subjektive, um die Entfremdung aufzuheben, die wiederum aus der Freisetzung der Arbeitskräfte und der Trennung von ihren Produktionsmitteln resultiert.

Bevor es dazu aber kommt, hat der Kapitalismus eine doppelte historische Mission zu erfüllen. Erstens müssen die Produktivkräfte zur vollen Entfaltung gebracht werden und den gesellschaftlichen Reichtum produziert haben, und zweitens muss der Kapitalismus sich von seinem Ursprungsland England auf die ganze Welt ausgebreitet haben, muss die gesamte Welt durchkapitalisiert worden sein. Insofern spielen Kolonialismus und Freihandel trotz aller Kritik eine historisch notwendige Rolle, da sie dem Kapitalismus in nichtkapitalistischen Gesellschaften zum Durchbruch verhelfen.

An dieser Stelle ist es notwendig, die Frage zu klären, ob Marx ein unilineares Geschichtsverständnis hatte. Dies suggeriert nämlich die orthodoxe stalinistische Marx-Interpretation, der zufolge das Abfolgeschema von Urgesellschaft, antiker Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus und Kommunismus weltweit und für alle Zeiten Gültigkeit besitze. Folglich mussten auch für Länder wie Russland oder China alle diese Phasen identifiziert werden. Belege für diese Sicht finden sich im "Manifest", im Vorwort zur "Kritik der politischen Ökonomie" und insbesondere in dem berühmten Satz aus dem Vorwort zum ersten Band des "Kapital": "Das industriell entwickelte Land zeigt dem minderentwickelten nur das Bild der eigenen Zukunft." Dieser Satz bezog sich zwar explizit auf Deutschland im Verhältnis zu England, wo der Satz auch stimmte, er wurde aber als allgemeine Aussage verstanden.

Eine andere Interpretation, die sich aus dem "Formen-Kapitel" in den "Grundrissen", aber auch aus diversen Aufsätzen über Indien und China herauslesen lässt, lautet: Neben dem westeuropäischen Weg zum Kapitalismus gibt es noch einen zweiten Weg, über den sich traditionelle Gemeinschaften nicht in feudale, sondern in tributgebundene, bürokratische Gesellschaften transformieren, ohne weiterführende gesellschaftliche Dynamik.

Marx unterscheidet hier die Asiatische und die Slawische Produktionsweise, die sich zu Asiatischen oder Halbasiatischen (Russland) Despotien weiterentwickeln, wobei die Frage der künstlichen Bewässerung der Landwirtschaft das Unterscheidungsmerkmal bildet. Er unterscheidet ferner die Antike und die Germanische Produktionsweise, aus denen der Feudalismus und daraus wieder der Kapitalismus entsteht.

Die Asiatische Produktionsweise hat drei wesentliche Elemente: Sie kennt kein Privateigentum an Grund und Boden. Einziger Grundeigentümer ist der Despot, der sich das agrarische Mehrprodukt in Form von Tribut (Rente oder Steuer) aneignet, um damit den bürokratischen und militärischen Apparat zu unterhalten. Die Basis der Gesellschaft ist die selbstgenügsame Dorfgemeinde mit ihrer Einheit von Agrikultur und Manufaktur. Die Bürokratie nimmt übergeordnete ökonomische Aufgaben wahr, vor allem die Organisation der Wasserbauten (Deiche, Kanäle), des Transportwesens und sonstiger öffentlicher Bauten, und unterhält staatliche Monopole für Salz, Eisen, Außenhandel u. a.

Das Zusammenwirken dieser drei Faktoren verhindert die ursprüngliche Akkumulation. Die Bauern werden nicht freigesetzt, die Produzenten nicht von den Produktionsmitteln getrennt. Es bildet sich keine Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land und damit auch kein innerer Markt heraus. Staatliche Monopole ebenso wie die bäuerliche Subsistenzwirtschaft behindern die Entfaltung eines kapitalistischen Unternehmertums. Also gibt es auch keine bürgerlich-städtische Entwicklung. Die Städte bleiben reine Residenz- und Verwaltungssitze. Der Fernhandel wird bürokratisch kontrolliert. Die Folge ist eine unproduktive Verwendung des Mehrprodukts für den Luxuskonsum der Herrschenden und öffentliche Prestigebauten (Paläste, Grabmäler). Weitere Folge ist die Stagnation bzw. ein zyklisches Auf und Ab ohne wirklichen (technisch-industriellen) Fortschritt - trotz kultureller und wissenschaftlicher Höchstleistungen. Der Asiatischen Produktionsweise zugerechnet werden im Grunde alle Hochkulturen außerhalb Europas.

Damit entpuppt sich - das ist die erste Lesart seiner Entwicklungstheorie - Marx als eurozentrischer Modernisierungstheoretiker, der dem herablassenden Orientbild der europäischen Aufklärung verhaftet ist und der die Hegel'sche Geschichtsphilosophie mit dem Universalismus der klassischen Ökonomen verbinden will. Wenn ein Land aufgrund interner Blockaden nicht von sich aus zum Kapitalismus gelangen kann, dann muss es eben von außen geschehen, dann hat der Kolonialismus, namentlich die britische Herrschaft in Indien, seine doppelte Mission zu erfüllen, nämlich "die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien".

In dieser Doppelfunktion des Kolonialismus erweist sich die Hegel'sche List der Vernunft. "Die bürgerliche Periode der Geschichte hat die materielle Grundlage einer neuen Welt zu schaffen: einerseits den auf der gegenseitigen Abhängigkeit der Völker beruhenden Weltverkehr und die hierfür erforderlichen Verkehrsmittel, andererseits die Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte und die Umwandlung der materiellen Produktion in wissenschaftliche Beherrschung der Naturkräfte. ... Erst wenn eine große soziale Revolution die Ergebnisse der bürgerlichen Epoche, den Weltmarkt und die modernen Produktivkräfte, gemeistert und sie der gemeinsamen Kontrolle der am weitesten fortgeschrittenen Völker unterworfen hat [sic!], erst dann wird der menschliche Fortschritt nicht mehr jenem scheußlichen heidnischen Götzen gleichen, der den Nektar nur aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte."

Aufgrund solcher Äußerungen stand Marx in der zeitgenössischen Debatte zwischen Freihandel und Schutzzoll im Lager der Freihändler, allerdings in langfristig strategischer Absicht. Durchsetzung des Freihandels hieß für ihn freie Bahn für den Kapitalismus und damit ein Schritt in Richtung Sozialismus. In allen militärischen Konflikten des 19. Jahrhunderts, im 1. und 2. Opiumkrieg, im Krimkrieg, im Mexikanischen Krieg oder in der Frage der französischen Kolonialherrschaft über Algerien, stand Marx immer auf Seiten des Fortschritts, also der westlichen Mächte.

Aus den Indien-Schriften, besser noch aus den Schriften zur Irischen Frage, lässt sich aber auch der frühe Dependenztheoretiker Marx herauslesen, wenn er beklagt, dass die billigen englischen Textilien die indische Hausindustrie niederkonkurriert haben, wenn er darauf verweist, dass die Ursprüngliche Akkumulation in Europa auch durch den Ressourcenabfluss aus den frühen Kolonien gespeist wurde: "Während des gesamten 18. Jahrhunderts wurden die aus Indien nach England gebrachten Schätze weit weniger durch den verhältnismäßig geringfügigen Handel als durch direkte Ausbeutung dieses Landes und aus den aus ihm herausgepressten, nach England überführten enormen Vermögen gewonnen. Doch das war nicht alles. Der ganze Charakter des Handels wurde geändert. Bis 1813 war Indien in der Hauptsache ein exportierendes Land, während es nun zu einem importierenden wurde. ... Indien, seit undenklichen Zeiten die gewaltigste Werkstatt für Baumwollwaren, wurde nun mit englischem Garn und englischen Baumwollstoffen überschwemmt. Hatte man die einheimische indische Produktion von England ferngehalten oder nur unter den härtesten Bedingungen zugelassen, so wurde Indien nun selbst mit englischen Waren bei niedrigem, lediglich nominellem Zoll überschwemmt. Das bedeutete den Ruin der einst so berühmten einheimischen Baumwollindustrie."

Friedrich List hätte es nicht besser formulieren können. Besonders deutlich wird diese Position, wenn Marx argumentiert, dass die Rückständigkeit Irlands das Resultat der englischen Herrschaft sei. Hier erscheint auf einmal nicht mehr der universalistische Freihändler, sondern der nationalistische Schutzzöllner, der zumindest für Irland die gleichen Konsequenzen wie List für Deutschland zieht. Ob er dies auch für die "Länder der heißen Zone" (List) oder die "geschichtslosen Völker" (Engels) getan hätte, mag allerdings bezweifelt werden.

Aber es gibt noch eine dritte Lesart, die sich andeutet in den späten Schriften zu China und ausgeführt wird in den Russland-Schriften. Ganz entgegen seiner Erwartung zeigte sich nämlich, dass die bloße Öffnung Chinas ohne regelrechte Kolonisierung nicht ausreichte, um den chinesischen Markt zu erobern. Im Gegenteil, die chinesische Dorfgemeinde erwies sich als resistent, eine Erkenntnis, die Marx auch im Hinblick auf Russland gewann. Dort hatten die Reformen Stolypins seit 1861 zwar zur Bauernbefreiung geführt. Aber die Dorfgemeinde mit ihrem System privater Nutzung von kollektivem Boden, der periodisch umverteilt wurde, und ihrer kollektiven Besteuerung vermochte sich zu erhalten. Vor diesem Hintergrund war in Russland eine heftige Debatte zwischen den Volkstümlern (Narodniki) und den Anhängern der Marx'schen Lehre entbrannt, ob Russland erst zum vollentwickelten Kapitalismus gelangen müsse oder ob der Übergang zum Sozialismus direkt möglich sei und sich auf den Kollektivismus der Dorfgemeinde gründen könne.

Marx formulierte zweimal, 1877 und 1881, Stellungnahmen zu dieser Frage, insbesondere in den Entwürfen zu einem Brief an Vera Sassulitsch. Er erscheint unentschlossen, relativiert seine Analyse im "Kapital", die nur für Westeuropa gelte. Russland habe die Wahl zwischen einer nachholenden Ursprünglichen Akkumulation oder der historischen Chance des direkten Übergangs zum Sozialismus, wenn der moderne Sektor der Dorfgemeinde bei der Mechanisierung helfe. Aber der kurze Brief, den er dann tatsächlich an Vera Sassulitsch schrieb, enthielt diese Überlegungen gar nicht mehr; tatsächlich blieb seine Beteiligung an der russischen Debatte ohne große Wirkung.

Damit sind wir aber mitten im Dilemma all jener Länder, die seit 1917 die Entwicklungsproblematik unter sozialistischen Vorzeichen lösen wollten. Stalin und Mao wählten den Weg der nachholenden Ursprünglichen Akkumulation und damit die gewaltsame Enteignung der Bauern im Zuge der Zwangskollektivierung und die Ausbeutung der städtischen Industriearbeiter unter bürokratischem Kommando wie zu Zeiten der Asiatischen Produktionsweise. Pol Pot ging den Weg der Volkstümler, der mit letzter Konsequenz zum "Steinzeitkommunismus" führte. Despotisch waren sie alle drei.


III.

Die spätere Wirkung des Marx'schen Denkens war enorm. Die eine Hälfte der Entwicklungstheoretiker berief sich auf Marx. Sein vielschichtiges OEuvre ließ es zu, dass sich gleichermaßen extreme Dependenztheoretiker wie Frank oder Wallerstein und marxistische Modernisierungstheoretiker wie Bill Warren (Imperialism: Pioneer of Capitalism) auf Marx berufen konnten. Das Elend in Afrika lässt sich marxistisch erklären als Folge kolonialer Ausbeutung, als Folge der Einbindung in den Weltmarkt und der Aktivitäten multinationaler Konzerne. Die Industrialisierungserfolge in Ost- und Südostasien lassen sich marxistisch erklären als Folge der Modernisierungsimpulse des Kolonialismus, der Einbindung in internationale Arbeitsteilung und des Beitrags der Direktinvestitionen zur Ursprünglichen Akkumulation und erfolgreichen Durchkapitalisierung. Die parasitäre Despotie rentenorientierter Staatsklassen in Afrika wie in Asien als Ursache von Unterentwicklung lässt sich umgekehrt genauso marxistisch erklären wie die Demokratisierungswelle der 1990er Jahre als zwangsläufige Folge von Industrialisierung und gesellschaftlicher Modernisierung. Der Sieg sozialistischer Revolutionen und antikolonialer Befreiungsbewegungen lässt sich marxistisch erklären genauso wie der Zusammenbruch des Sozialismus und das Scheitern postkolonialer Entwicklungsprojekte.

Es kommt immer nur darauf an, ob man den universalistischen Modernisierungstheoretiker Marx, den nationalistischen Dependenztheoretiker Marx, den leninistisch gewendeten oder den romantischen Volkstümler Marx zur Folie nimmt. Diese schillernde Ambivalenz ist vielleicht eine Erklärung für die Faszination und Wirkung des Marx'schen Denkens.


IV.

Was bleibt von Marx heute? Vor zehn Jahren hätte es heißen müssen: Marx ist tot. Die einstürzende Berliner Mauer hat auch das Marx'sche Denken unter sich begraben. Der weltweite Siegeszug des Neoliberalismus schien unausweichlich. Aber - und das ist wahre Dialektik - überall da, wo der globalisierte Kapitalismus im Zeichen neoliberaler Deregulierung sich tatsächlich durchgesetzt, die ursprüngliche Akkumulation weite Teile von Asien erreicht hat, stellt sich auch heraus, das Kapitalismus von Krisen begleitet ist (Stichwort Asienkrise), dass es nicht ohne Ausbeutung geht, dass die alte soziale Frage sich immer wieder neu stellt, dass es wieder umgeht, das Gespenst.

Insofern ist es doch der Modernisierungstheoretiker Marx, der er als an den Klassikern geschulter Ökonom vermutlich im Grunde seines Herzens immer geblieben ist, der Recht behalten hat mit seinem Apodiktum von 1848: "Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt, den die Entdeckung Amerikas vorbereitete. Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schiffahrt, den Landkommunikationen eine unermessliche Entwicklung gegeben. Diese hat wieder auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt, und in demselben Maße, worin Industrie, Handel und Schiffahrt, Eisenbahnen sich ausdehnten, in demselben Maße entwickelte sich die Bourgeoisie, vermehrte sie ihre Kapitalien, drängte sie alle vom Mittelalter überlieferten Klassen in den Hintergrund." Nicht recht behalten hat er mit seinen normativen politischen Schlussfolgerungen, wenngleich auch der Weg der Reformen zur Lösung sich stützen kann auf entsprechende Passagen seines Werkes.


Schriften von Karl Marx:

Karl Marx, Friedrich Engels: Werke (MEW).Berlin
(Ost), Dietz 1956-1990, 43 Bde.
- Feuerbach. Aus: Deutsche Ideologie. MEW 3
- Manifest der Kommunistischen Partei. MEW 4
- Die Schutzzöllner, die Freihandelsmänner und die arbeitenden Klassen. MEW 4
- Revue. MEW 7
- Die Herzogin von Sutherland und die Sklaverei. MEW 8
- Die britische Herrschaft in Indien. MEW 9
- Über den britisch-chinesischen Vertrag. MEW 12
- Der Handel mit China. MEW 13
- Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort. MEW 13
- Brief an die Redaktion der "Otetschestwennyje Sapiski",Entwürfe einer Antwort und Antwort auf den Brief von Vera I. Sassulitsch. MEW 19
- Vorrede zur zweiten russischen Ausgabe des "Manifest der kommunistischen Partei". MEW 19
- Vorwort zur ersten Auflage des Kapital. MEW 23
- Das Kapital, Bd. 1. MEW 23. Darin: Irland (S. 726-740); Die sogenannte ursprüngliche Akumulation (S.741-791)
- Das Kapital, Bd. 3. MEW 25. Darin: Der auswärtige Handel (S. 247-250); Geschichtliches über das Kaufmannskapital (S. 335-349)
- Formen, die der kapitalistischen Produktion vorangehen, in: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. MEW 42 (S. 383-421)
- Enthüllungen zur Geschichte der Diplomatie im 18. Jahrhundert. Frankfurt: Suhrkamp 1981
- K. M. / F. E. zur russischen Revolution. (Hg. Maximilien Rubel. Berlin, Ullstein 1984

Schriften über Karl Marx:
Shlomo Avineri: Karl Marx on Colonialism and Modernisation. New York, Doubleday 1968
Diptendra Banerjee (Hg.): Marxian Theory and the Third World. New Delhi, Sage 1985
Victor Kiernan: Marxism and Imperialism. London, Edward Arnold 1974
Jorge Larrain: Classical Political Economists and Marx on Colonialism and "Backward" Nations, iIn: World Development 19.1991, 2/3. S. 225-243
Umberto Melotti: Marx and the Third World. London, MacMillan 1977
Theodor Shanin (Hg.): Late Marx and the Russian Road: Marx and "the Peripheries of Capitalism". London, Routledge & Kegan Paul 1983
Bill Warren: Imperialism, Pioneer of Capitalism. London, Verso 1980
Karl August Wittfogel: Die Orientalische Despotie. Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht. Frankfurt, Ullstein 1977

Weiterführende Schriften:
T.H. Aston /C.H.E. Philpin (Hg.): The Brenner De- bate: Agrarian Class Structure and Economic Development in Pre-Industrial Europe. Cambridge, Cambridge University Press 1985
Arghiri Emmanuel: Unequal Exchange. A Study of the Imperialism of Trade. New York, Monthly Review 1972
W. I. Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, in: Werke 22. Berlin, Dietz 1971
Paul Sweezy/Maurice Dobb u.a.: Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Frankfurt: Syndikat 1978


Prof. Dr. Ulrich Menzel lehrt Internationale Beziehungen und Vergleichende Regierungslehre an der TU Braunschweig.



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herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)

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